Wenn man eine grobe Idee haben will, wie lukrativ ein kriminelles Geschäftsmodell ist, reicht es manchmal, sich anzuschauen, welchen Aufwand Verbrecher bereit sind, dafür zu betreiben. Das trifft auf jeden Fall auch auf illegale Zigaretten zu. Um die herzustellen, in täuschend echte Päckchen zu verpacken, zu transportieren und unters Volk zu bringen, braucht man diverse spezialisierte Maschinen, Personal und Logistik. Das macht man nicht mal eben so nebenher.
Zwölf illegale Zigarettenfabriken haben die belgischen Behörden allein dieses Jahr schon ausgehoben im Land, erklärt Kristian Vanderwaeren, der Generaldirektor des Zolls, gegenüber der VRT. Es sei schon beeindruckend, was die Kriminellen da auf die Beine stellten. Noch nie wurden so viele illegale Zigarettenfabriken auf belgischem Boden entdeckt wie im laufenden Jahr. Schon jetzt sind es so viele wie im gesamten bisherigen Rekordjahr 2024.
Eine einzige illegale Zigarettenfabrik kann eine bis anderthalb Millionen Zigaretten pro Tag ausspucken. Also 50.000 bis 75.000 Päckchen, wenn man von jeweils zwanzig Glimmstängeln ausgeht. Aber die illegalen Produktionslinien in irgendwelchen Hangars, Scheunen oder alten Fabrikgebäuden sind nicht die einzigen Quellen, die den Zigaretten-Schwarzmarkt in Belgien speisen.
Illegale Zigaretten kommen nämlich auch von außerhalb der EU nach Belgien, nämlich über Häfen, wie den von Antwerpen. Sie stammen meist aus China. Aber auch aus viel näher liegenden Ländern wie zum Beispiel Bulgarien werden immer häufiger Zigaretten nach Belgien geschmuggelt, sowohl gefälschte als auch echte, die dort aber viel günstiger sind als hier.
Bulgarien gehört ja zur Europäischen Union und das macht den Transport der illegalen Ware natürlich viel einfacher. Er kann nämlich über die Straße erfolgen und die Kriminellen müssen nur Binnengrenzen passieren. Die Chance, dabei vom Zoll erwischt zu werden, sei also erheblich geringer als an den Außengrenzen beziehungsweise eben an Flug- oder Seehäfen, so Vanderwaeren. Gerade bei letzterer Variante sehe man auch eine enorme Zunahme.
Die illegalen Zigaretten sind in gleich mehrfacher Hinsicht ein Problem. Zunächst mal stellen sie ein nicht unerhebliches Risiko für die Volksgesundheit dar; abgesehen davon, dass Rauchen natürlich immer gesundheitsschädlich ist. Aber wenn da außer den in Belgien beziehungsweise der EU zugelassenen Stoffe noch wer weiß was drinstecke, dann sei das noch schädlicher, hebt der Zoll-Chef hervor. In China zum Beispiel gelten, wenn überhaupt, ganz andere Regeln. Und die illegale Herstellung von Zigaretten erfolgt oft unter erbärmlichen und hygienisch mehr als fragwürdigen Bedingungen.
Dann ist da aber auch noch der finanzielle Aspekt, sprich der Schaden für den Staat durch nicht gezahlte Akzisen und Mehrwertsteuer. Auf 25 Prozent der in Belgien gerauchten Zigaretten würden keine Abgaben gezahlt. Laut einer Studie entgeht dem Staat so pro Jahr fast eine Milliarde an Akzisen und Mehrwertsteuer. Es könnte aber auch noch deutlich mehr sein, zumindest laut den Untersuchungen des Dachverbands der belgischen und luxemburgischen Zigarettenhersteller, Cimabel.
Laut Cimabel ist mittlerweile über die Hälfte der in Belgien konsumierten Zigaretten entweder gefälscht oder nicht in Belgien versteuert. Eine enorme Zunahme, vor drei Jahren waren es demnach nämlich noch etwa 18 Prozent. Entsprechend höher schätzt der Verband auch den Schaden für die Staatskasse ein, nämlich auf 2,6 Milliarden Euro pro Jahr.
Auch der Zoll-Generaldirektor kann nur festhalten, dass die entsprechenden Einnahmen fallen und fallen. Um sage und schreibe 30 Prozent nämlich allein im letzten Jahr. Die Schlussfolgerung liegt also auf der Hand: Das Problem ist schon groß und es wird immer größer.
Boris Schmidt