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Trendwende: Belgier legen Geld mittlerweile eher an, als es auf das Sparbuch zu packen

09.09.202611:53
Geldanlage (Illustrationsbild: © Andriy Popov/PantherMedia)
Illustrationsbild: © Andriy Popov/PantherMedia

Es gibt ja diverse Klischees über Belgier. Zum Beispiel, dass sie große Freunde guten Essens sind. Oder dass sie mit einem Backstein im Bauch geboren sind. Oder dass sie besonders eifrige Sparer sind. Aber zumindest Letzteres stimmt offenbar gar nicht. Oder besser gesagt: nicht mehr.

Immer wieder machen sich Politiker und Experten Gedanken darüber, wie sie das schlafende Geld der Belgier mobilisieren könnten. Zum Beispiel, um die arg lahmende Wirtschaft anzukurbeln. Und es ist auch kein Wunder, dass sich ihre begehrlichen Blicke auf das gehortete Vermögen der Belgier richten, schließlich spielen die Belgier in dieser Hinsicht in Europa ganz weit oben mit.

Aber trotzdem sind die Belgier keine "Supersparer" mehr, wie Peter Vanden Houte von der ING-Bank gegenüber der VRT erklärt. Früher seien die Belgier wirklich besonders eifrige Sparer gewesen im europäischen Vergleich, räumt Vanden Houte ein. Aber in den letzten Jahren habe sich das verändert: Verglichen mit anderen Europäern legten die Belgier mittlerweile weniger Geld zur Seite.

In der Eurozone geben Menschen im Schnitt nämlich 14,7 Prozent ihres verfügbaren Einkommens nicht für Güter und Dienstleistungen aus. In Belgien liegt dieser Wert mit 12,8 Prozent doch eindeutig niedriger. Und von dem, was übrigbleibt, fließt der Löwenanteil, nämlich 70 Prozent, in das Abbezahlen der eigenen Immobilie.

Daran habe sich auch nichts geändert, betont der Bank-Experte. Dem Klischee scheinen die Belgier also immerhin treu zu bleiben. Und effektiv ist das ja auch eine Art Sparen, nur dass das Geld eben in die eigenen vier oder mehr Wände gesteckt wird. Interessant ist aber eben, was mit den restlichen 30 Prozent passiert. Weil sich hier in den letzten Jahren etwas bewegt hat und weiter bewegt. ING geht sogar soweit, von einer "Trendwende" zu sprechen.

Während das meiste übriggebliebene Geld früher brav und bieder auf dem Sparbuch landete, findet es heute eher den Weg in Anlagefonds. Also vor allem in Investmentfonds, Rentenfonds und in ETFs, sprich börsengehandelte Indexfonds. Im letzten Jahr legten die Belgier im Schnitt zum ersten Mal mehr Geld so an, als sie auf Spar- und Terminkonten packten. Dabei sind sie sogar noch eifriger als der europäische Durchschnitt, wie die Bank hervorhebt. Laut Angaben von ING legen mittlerweile 43 Prozent der Belgier Geld in Anteilen, Obligationen, Fonds oder ETFs an. Und weitere fast 25 Prozent denken darüber nach.

Dafür sehen die Experten vor allem zwei Gründe: niedrige Sparzinsen und hohe Inflation. Zusammengenommen bedeutet das, dass die Zinsen für auf Sparkonten geparktes Geld nicht mehr reichen, um den Wertverlust durch die gestiegene Inflation auszugleichen. Die Inflation beträgt ja mittlerweile vier Prozent, während die Zinsen auf Sparbücher meist irgendwo um die maximal 1,6 bis 1,7 Prozent rumdümpeln. Man muss also weder Mathe noch Wirtschaft studiert haben, um nachvollziehen zu können, dass Sparbücher schon länger ein Verlustgeschäft sind.

Es gibt also handfeste praktische Gründe für das veränderte Finanzverhalten. Aber darüber hinaus sehen die ING-Experten auch einen gewissen Mentalitätswandel. Wobei sich der natürlich ohne allzu viel Fantasie mit den oben genannten Erträgen in Verbindung bringen lässt, klar.
Jedenfalls sieht die Bank bei den Belgiern eine zugenommene Risikobereitschaft, auch im Vergleich zu Kunden aus anderen Ländern. Aus einer anderen Studie der Bank geht demnach hervor, dass Belgier eher bereit sind, temporär Verluste in Kauf zu nehmen, wenn die Aussicht besteht, langfristig eine höhere Rendite zu bekommen.

Wobei eine Mehrheit der Befragten, nämlich 60 Prozent, auch sagt, dass Nicht-Investieren ja auch ein Risiko sei. Nämlich das Risiko de facto Geld zu verlieren durch Inflation. Immerhin 40 Prozent geben aber auch an, dass Investieren ein Glücksspiel sei, vergleichbar mit Zocken im Casino.

Die Investitionsbereitschaft ist außerdem auch stark altersabhängig: je jünger jemand ist, desto größer im Schnitt die Bereitschaft, Risiken einzugehen und Geld in Fonds zu investieren. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist die Bereitschaft, zu investieren, zum Beispiel vier Mal höher als bei den Über-65-Jährigen.

Wobei nicht jeder, der theoretisch bereit ist, sein Geld anzulegen, statt zu sparen, das auch wirklich macht. Neben dem Risiko, das jede Geldanlage per Definition beinhaltet, wird oft Unkenntnis als Hindernis genannt, sprich, dass die Menschen nicht glauben, sich gut genug auszukennen, um wirklich ihr Geld aufs Spiel zu setzen.

Und auch die berühmt-berüchtigte Komplexität des belgischen Steuersystems bremst eventuell vorhandenen Enthusiasmus. Weil das mache es für Nicht-Spezialisten schwierig, abzuschätzen, welche Produkte tatsächlich interessant sein könnten und welche eigentlich nicht.

Boris Schmidt

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