Der Belgier ist in puncto Arbeitsweg besonders gestraft. Das geht aus einer Studie des Personaldienstleisters SD Worx hervor, für die 16.000 Arbeitnehmer in 16 europäischen Ländern befragt wurden. Aus der Studie geht hervor, dass der Belgier am längsten unterwegs ist, um zur Arbeit zu gelangen und wieder nach Hause zu kommen.
Pro Tag müssen Belgier demnach durchschnittlich 61 Minuten für den Arbeitsweg einplanen. Es ist das erste Mal, dass diese Schwelle von einer Stunde überschritten wird. Knapp jeder achte (13 Prozent) ist sogar mehr als zwei Stunden unterwegs.
"Belgien ist schließlich nicht umsonst Stauweltmeister", wäre wohl die erste spontane Reaktion auf diese Feststellung. "Staus sind tatsächlich ein wichtiger Grund für den überdurchschnittlich zeitaufwendigen Arbeitsweg", bestätigte Veerle Michiels von SD Worx in der VRT. Bestes Beispiel war die Verkehrslage am ersten Schultag.
Hinzu kommt aber, dass die Menschen in Belgien häufig auch weiter von ihrem Arbeitsplatz entfernt leben. 32 Kilometer beträgt laut Studie die Durchschnittsentfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Jeder Siebte muss täglich sogar mindestens 120 Kilometer zurücklegen, um zur Arbeit und zurück zu gelangen. Auch dieser Wert liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt.
Und auch hier ist der Grund eine Eigenheit, die als "typisch belgisch" gilt: Der Ziegelstein im Bauch. "Der Belgier ist vergleichsweise sesshaft", sagt Veerle Michiels von SD Worx. Man hat sein Häuschen und will das auch nicht für den Job aufgeben. Und dafür sind die Menschen dann auch bereit, einen Preis zu zahlen, indem sie eben länger pendeln.
Ein zweiter wichtiger Faktor sind Kinder. Wenn der Nachwuchs einmal da ist, dann zieht es die jungen Eltern wieder in ihre Heimatregion zurück, genauer gesagt in die Nähe der Großeltern, die dann auf die Kinder aufpassen können. Der Belgier zieht also seine altbekannte soziale Umgebung vor, während man im Ausland eher dazu neigt, sich seinem Arbeitsplatz räumlich anzunähern.
Das ist also letztlich auch eine Frage der Mentalität. Der Belgier ist also - im wahrsten Sinne des Wortes - "bodenständiger" als in anderen Ländern, wo die Arbeitsmobilität offensichtlich größer ist.
Die meisten nutzen für ihren Arbeitsweg immer noch das Auto. Nur rund ein Viertel der Pendler nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Hauptgrund ist für die meisten, dass das bestehende Angebot nicht ihren Bedürfnissen entspricht oder nicht verlässlich genug ist. Auch hier liegt der europäische Durchschnitt deutlich höher. Und auch hier spielen wieder spezifische Faktoren eine Rolle: Belgien ist erwiesenermaßen zersiedelter als viele andere Länder. Eine Nebenwirkung dieser verstreuten Siedlungsstruktur ist, dass es ohne klassische Ballungsräume ungleich schwieriger wird, einen wirklich schnellen und effizienten öffentlichen Nahverkehr zu organisieren.
Wie dem auch sei: Die meisten scheint all das nicht wirklich zu stören. Denn interessanterweise wird laut der Studie in Belgien nicht nennenswert häufiger ein Antrag auf Homeoffice gestellt als in anderen Ländern. Der Arbeitsweg gehört offensichtlich irgendwie "dazu", er wird mit einkalkuliert, sagt auch Veerle Michiels von SD Worx. Nicht alle betrachten das Pendeln als verlorene Zeit. "Wir nehmen es einfach in Kauf."
Roger Pint