Die Zahlen des Verkehrssicherheitsinstituts Vias und der Diabetes-Verbände sind erschreckend: Über ein Fünftel der Menschen, die in Belgien an Diabetes erkrankt sind, und Auto fahren, machen das ohne gültige Fahrerlaubnis. Und zwar oft, ohne es zu wissen, wie Stef Willems von Vias in der VRT erklärt. Jeder Fahrer muss in Belgien von Gesetzes wegen nämlich ehrenwörtlich versichern, nicht an bestimmten Krankheiten zu leiden. Darunter fällt etwa Epilepsie. Aber eben auch Diabetes. Und das gilt für jede Form von Diabetes – unabhängig vom Typ und der Art der Behandlung.
Konkret bedeutet das, dass Diabetes-Patienten in Belgien gesetzlich verpflichtet sind, binnen vier Arbeitstagen nach Diagnose bei ihrer Gemeinde einen Antrag auf Anpassung ihres Führerscheins zu stellen. Also quasi sofort. Das bedeutet – insofern man aus medizinischer Sicht noch fahren darf natürlich – dass die Fahrerlaubnis von Diabetes-Patienten zeitlich begrenzt ist und regelmäßig erneuert werden muss. Bei Berufsfahrern alle drei Jahre, bei allen anderen alle fünf Jahre. Wobei jeweils ein neues medizinisches Attest über die Fahrtauglichkeit vorgelegt werden muss.
Das wissen viele Betroffene aber offenbar nicht, berichten Vias und Diabetes-Verbände auf Basis einer neuen Umfrage: 18 Prozent der Befragten wüssten nicht, dass Diabetes-Patienten eine angepasste Fahrerlaubnis bräuchten, so Willems, das sei schon eine Überraschung gewesen. Wobei es auch so sei, dass Menschen oft von der Informationsflut und den ganzen Umstellungen erschlagen würden, wenn bei ihnen Diabetes diagnostiziert werde. Es könne also durchaus passieren, dass das mit dem Führerschein dann einfach untergehe. Weitere 27 Prozent seien der Meinung, dass das nur für bestimmte Krankheitstypen gelte, oder ab einem gewissen Alter oder bei Komplikationen. Aber all das stimmt eben nicht. Alle Diabetes-Patienten, ohne Ausnahme, müssen ihren Führerschein ändern lassen.
Aber auch wer Bescheid weiß, kann sich schnell und unbeabsichtigt mit einem ungültigen Führerschein wiederfinden, hebt der Vias-Sprecher hervor: Die Behörden erinnern die Betroffenen nämlich nicht daran, dass sie ihre Führerscheine regelmäßig erneuern müssen. Sprich es ist sehr leicht, das aus den Augen zu verlieren und zu vergessen.
Abgesehen von den möglichen Risiken der gesundheitlichen Einschränkungen für die Verkehrssicherheit kann das Fahren mit einem ungültigen Führerschein auch andere schwerwiegende Folgen haben: Versicherungen könnten sich bei Unfällen etwa weigern zu zahlen, wenn die Versicherungsnehmer zum Unfallzeitpunkt ohne gültige Fahrerlaubnis unterwegs gewesen seien. Darüber hinaus können auch empfindliche rechtliche Konsequenzen drohen: Laut Vias-Sprecher Benoît Godart in den Zeitungen der Sudinfo-Gruppe nämlich Bußgelder bis zu 20.000 Euro, Gefängnisstrafen und der Entzug des Führerscheins für mehrere Jahre. Das liege dann im Ermessensspielraum des Richters.
Deswegen wollen das Verkehrssicherheitsinstitut und die Verbände die Betroffenen nun auch verstärkt für die Problematik sensibilisieren. Es gehe nicht darum, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen oder ihnen Vorwürfe zu machen, unterstreicht in diesem Zusammenhang Willems. Aber die Gesetzeslage sei nun mal, wie sie sei, und daran müsse man sich halten. Und das Ganze mache auch gesundheitlich und verkehrssicherheitstechnisch Sinn. Etwa, weil sich Erkrankung ja auch verschlimmern könne. Die entsprechenden Gespräche mit Hausärzten oder Endokrinologen seien auch nicht nur da, um sich die Fahrtauglichkeit bescheinigen zu lassen. Patienten bekämen auch wertvolle Tipps, wie sie im Straßenverkehr mit ihrer Krankheit umgehen könnten, welche Vorsichtsmaßnahmen angebracht seien und wie sie Probleme und Krisen besser vermeiden könnten.
Boris Schmidt