Julie und Melissa, An und Eefje, Sabine und Laetitia. Sechs Namen, die noch heute viele Menschen bewegen. Mitte der 1990er Jahre kannte sie jeder, auch ihre Gesichter. Denn sie prangten auf Suchplakaten, die ihre Eltern und deren Mitstreiter im ganzen Land aufgehängt hatten.
Am 24. Juni 1995 verschwinden die beiden achtjährigen Mädchen Julie und Melissa unweit ihres Wohnortes in Grâce-Hollogne bei Lüttich spurlos. Die Eltern Russo und Lejeune sind davon überzeugt, dass ihre Kinder entführt wurden und noch leben. Von den Polizei- und Justizbehörden fühlen sie sich aber im Stich gelassen.
22. August 1995, knappe zwei Monate nach dem Verschwinden von Julie und Melissa: Die 17-jährige An Marchal und die 19-jährige Eefje Lambrecks verbringen ihren Urlaub auf einem Campingplatz in der Nähe von Ostende. Nach dem Besuch einer Abendveranstaltung kehren sie nicht zurück. Sie sind wie vom Erdboden verschluckt.
Monatelang wird nach den vier Mädchen gesucht, ohne Erfolg. 28. Mai 1996: Die Serie scheint sich fortzusetzen. In der Nähe von Tournai verschwindet die zwölfjährige Sabine Dardenne. Einige Wochen später, am 9. August 1996, kommt auch die damals 14-jährige Laetitia Delhez aus Bertrix nicht mehr nach Hause.
Diesen Fall übernehmen die zuständigen Justizbehörden von Neufchâteau. Unter der Leitung von Prokurator Michel Bourlet und Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte machen die Ermittler schnell Fortschritte. Die Beschreibung eines weißen Lieferwagens und die ersten drei Buchstaben eines Kennzeichens bringen die Fahnder auf die Spur eines gewissen Marc Dutroux.

Der damals 39-Jährige ist in Marcinelle gemeldet, einem Stadtteil von Charleroi. Und er ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er wurde diverse Male verurteilt, unter anderem wegen schwerer Sittenvergehen. Das Team hat einen Verdächtigen.
Am 13. August 1996 wird Dutroux festgenommen, mit ihm auch seine Frau Michelle Martin und ihr Bekannter Michel Lelièvre. Lelièvre ist es, der als Erster einknickt: Er gibt zu, bei der Entführung von Laetitia Delhez dabei gewesen zu sein. Die Ermittler nehmen also Dutroux in die Mangel. Am 15. August konfrontiert Michel Demoulin den Verdächtigen mit den neuen Erkenntnissen.
Marc Dutroux weiß wohl, dass es vorbei ist, und legt ein Geständnis ab. Das dann aber die Ermittler regelrecht umhaut: "Ich gebe ihnen nicht ein Mädchen, sondern zwei". "Ist Sabine dabei?", fragt Michel Demoulin hastig nach. Keine Antwort. Die Ermittler fahren also noch an besagtem 15. August 1996 zusammen mit Dutroux nach Marcinelle. Der Keller ist scheinbar leer, doch Dutroux kooperiert.

"Er machte sich an einem Regal zu schaffen", erzählte Michel Demoulin später in der RTBF. "Ich verstand nicht, was er da fummelte. Bis er plötzlich das Regal inklusive der Wand zu sich hin zog. Dahinter öffnete sich ein Loch in der Mauer." Es war der Zugang zu einem wirklichen Kellerverlies. Darin kauerten Laetitia Delhez und tatsächlich auch Sabine Dardenne. Die Bilder von ihrer Befreiung gingen um die Welt.
Freudentränen, Aufatmen, Erleichterung. Doch wie sich schnell herausstellt, war das nur ein scheinbares Happy End. Zunächst einmal mussten Sabine und Laetitia in Dutroux' Verlies Unsägliches ertragen. Doch es kommt noch viel schlimmer. Tröpfchenweise gibt Dutroux weitere Verbrechen zu.
Am 17. August 1996 werden im Garten des Dutroux-Hauses in Sart-La-Buissière, rund 20 Kilometer südwestlich von Charleroi, die sterblichen Überreste von Julie und Melissa entdeckt. Etwas mehr als eine Woche später findet man in Jumet auch die Leichen von An und Eefje.

Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar, dass die Polizei und Justizbehörden im Fall Dutroux auf der ganzen Linie versagt haben. Sein Name war schon sehr früh in den Ermittlungen aufgetaucht. Außerdem hatte er eine einschlägige Vorgeschichte, war unter anderem auch schon in den 1980er Jahren wegen Entführung, Freiheitsberaubung und sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt worden - also für exakt die gleichen Delikte. Dass er doch unangetastet blieb, nährte Gerüchte, wonach er möglicherweise Protektion genossen haben könnte.
Als dann auch noch dem Untersuchungsrichter Connerotte wegen Befangenheit die Akte entzogen wird, kocht der Volkszorn über. Am 20. Oktober 1996 gehen rund 300.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Missstände bei der Justiz zu protestieren.
Der 13. August 1996 und die Festnahme von Marc Dutroux, seiner Frau und seines Komplizen Lelièvre waren in jedem Fall nur der Anfang einer Affäre, die Belgien nachhaltig bewegen und tatsächlich auch verändern sollte, bis hin zu tiefgreifenden Reformen bei Polizei und Justiz. Dieser 13. August 1996 war aber zuallererst der Beginn eines Albtraums.
Roger Pint