Christian Clot ist in der Schweiz geboren, besitzt aber auch die französische Staatsbürgerschaft und war am Mittwochvormittag bei der belgischen RTBF zu hören. Als Experte für das, was viele zurzeit als Frage umtreibt, wie können wir künftig gut zurechtkommen mit dieser ungewöhnlichen Hitze, die heute bereits zum dritten Mal in einer Welle über uns in Belgien herfällt?
Über 60 Mal ist Clot in Regionen mit extremen Lebensbedingungen für Menschen gereist. Zum Beispiel in die iranische Wüste, um dort bei Temperaturen von bis zu 58 Grad Celsius im Schatten zwei Wochen lang zu leben. Aufgrund solcher Erfahrung hat der 54-Jährige auch ein Institut gegründet, das Human Adaption Institute in Marseille, in dem er zusammen mit Forschern aus aller Welt die Möglichkeiten für den Menschen auslotet, unter Extrembedingungen zu leben.
Der Mensch ist nicht für Hitze geschaffen
Ergebnis dieser Forschungen bislang: "Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, um in großer Hitze zu leben", sagte Clot dann auch heute Vormittag erneut. "Nur gesellschaftliche und technische Anpassungen können das ermöglichen." Der menschliche Körper könne sich auf die Dauer nämlich nicht an hohe Temperaturen anpassen. Wenn die Außentemperatur die 37 Grad der Körpertemperatur überschreitet, dann würde das bei jedem Menschen zu Einschränkungen führen.
Der Körper wird schlapp, das Gehirn arbeitet langsamer und setzt manchmal aus, und die Lust auf gesellschaftliche Kontakte nimmt ab. Allgemein sei das bei jedem Menschen so. Individuelle Unterschiede seien allerdings normal. Denn nicht jeder Mensch sei gleich und besitze auch nicht die gleichen Fähigkeiten, gut mit Hitze umzugehen.
Gut mit Hitze umgehen - laut Clot lässt sich das lernen. Und hier sei die Schule gefragt, das Bildungswesen. "Es ist unbedingt nötig, dass das Thema Hitze in die Lehrpläne der Schulen integriert wird", fordert Clot. "Ab dem ersten Schuljahr. Mit fünf Jahren kann man schon Dinge verstehen. Das Bildungswesen muss sich also auch an den Klimawandel anpassen."
Zu lehren seien da ganz viele Dinge. Auch so einfache wie zum Beispiel das richtige Trinken. Denn das hätten viele von uns verlernt. Einfach nur viel Wasser trinken bei großer Hitze sei nämlich nicht genug. Man müsse zum Beispiel auch darauf achten, dass im Körper genug Salze seien, damit das Wasser vom Körper aufgenommen werden könne.
Viel Trinken
Anderes Beispiel im Bezug auf Trinken: Für Mädchen müssten Schulen darauf achten, dass die Toiletten sauber seien. Oft sei das aber nicht der Fall, weshalb gerade Mädchen sich angewöhnen würden, stundenlang während der Schulzeit nichts zu trinken, um sich nicht auf die dreckigen Toiletten setzen zu müssen. Die Gewohnheit präge sich dem Körper ein - bei großer Hitze natürlich ein großer Nachteil.
Solche und viele andere Dinge - zum Beispiel ein Schul- oder Arbeitsbeginn um 6 Uhr morgens statt um 8 Uhr, um später der großen Hitze nicht ausgesetzt zu sein - könnten das Leben bei großer Hitze künftig erleichtern. Im Idealfall könnten diese Veränderungen sogar relativ schnell greifen.
"Wenn man den Wandel wirklich will und richtig fundiert anpackt", sagt Experte Clot, "dann braucht ein Land vier bis fünf Jahre, um so einen Wandel zu erreichen. Dafür sind aber drei Dinge nötig, die nur zusammen zum Erfolg führen: Durchgreifende politische Entscheidungen, eine grundsätzliche Neuausrichtung des Bildungswesens und ausreichend finanzielle Mittel."
Kay Wagner