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Hitzewellen und Erderwärmung: Klimaexperte van Ypersele kritisiert Politik scharf

28.07.202613:4628.07.2026 - 17:16
Jean-Pascal van Ypersele (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)
Jean-Pascal van Ypersele (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Nachdem zuletzt vor allem apokalyptische Bilder von den Bränden in Südeuropa dominierten, scheint sich die Lage etwas zu stabilisieren. Entwarnung gibt es jedoch nicht: Steigende Temperaturen erhöhen erneut die Brandgefahr. Auch Belgien steuert auf die nächste Hitzewelle zu. Klimaexperte Jean-Pascal van Ypersele übt scharfe Kritik an der Politik.

Dass die Hitzewelle von Ende Juni schlimm und vor allem auch sehr tödlich war, das war sehr schnell klar. Wie tödlich, zeichnete sich allerdings erst nach und nach ab. Denn es dauerte einfach, bis alle Todesfälle während und durch die Hitzewelle an das Gesundheitsinstitut Sciensano durchgegeben waren. Am Ende betrug die Bilanz über 2.000 zusätzliche Todesfälle durch die extreme Hitze. Das entspricht einer Übersterblichkeit von 48 Prozent. Der nächste Schock: Offenbar war die Übersterblichkeit in Belgien viel schlimmer als in den Nachbarländern, die ja ungefähr die gleichen Temperaturen durchgemacht hatten.

Kein Wunder also, dass die Politik sich Fragen gefallen lassen muss, ob sie genug getan hat, um das zu verhindern. Nun hat sich auch Jean-Pascal van Ypersele zu Wort gemeldet. Der langjährige Vizevorsitzende des Weltklimarats der Vereinten Nationen ist ja quasi die personifizierte Klimaexpertise des Landes. Und van Ypersele sparte nicht mit scharfer Kritik an den politisch Verantwortlichen: Niemand könne sich hinter der Entschuldigung verstecken, nichts gewusst zu haben oder Ähnliches, so der Klimawissenschaftler kategorisch im Interview mit der VRT. Die Wissenschaft sei in puncto Klimawandel und seinen Folgen sehr deutlich gewesen. Und es sei auch bekannt, was dagegen unternommen werden könne.

Der erste Bericht des UN-Weltklimarats datiere von 1990, erinnerte van Ypersele, sei also schon 36 Jahre alt. Und bereits darin sei vor weltweit extremeren Temperaturen gewarnt worden. Der Weltklimarat habe Hunderte Male angemahnt, dass man sich besser auf die Veränderung des Klimas vorbereiten müsse, Wissenschaftler auf der ganzen Welt Tausende Male. Und genauso oft sei wiederholt worden, dass der Ausstoß an Treibhausgasen so schnell wie möglich auf Null reduziert werden müsse. Die Politiker könnten also wirklich nicht behaupten, von nichts gewusst zu haben.

Während der Corona-Pandemie sei doch zum Beispiel so viel unternommen worden, damit es so wenige Opfer wie möglich gebe. Aber wenn es um den Klimawandel und seine Folgen gehe, zu denen ja auch zum Beispiel die Überschwemmungen, Hitzewellen und die Brände gehörten, sei dieses Interesse nicht vorhanden. Alle hätten gewusst, was komme und was dagegen getan werden müsse. Aber statt entsprechend zu handeln, seien schon beschlossene Maßnahmen der EU sogar wieder abgeschwächt worden. Das finde er schockierend. Und das mache ihn auch wirklich böse.

Und der Wissenschaftler findet noch etwas absolut skandalös: Dass die über 2.000 Hitzetoten der letzten Hitzewelle nicht mal gewürdigt worden seien. Es habe keine Gedenkminuten gegeben, keine offiziellen Stellungnahmen des Premierministers oder der regionalen Minister. Wie könne es sein, dass vollkommen zu Recht der Opfer der Brandtragödie im Oxy-Gebäude in Brüssel gedacht worden sei, aber nicht der Hitzetoten? Das sei schlicht schockierend.

Die Reaktion der Politik sei auch sonst eine Schande, so van Ypersele weiter: Wie könne es denn sein, dass die einzige Maßnahme angesichts einer Hitzewelle sei, alten Menschen zu raten, den Schatten zu suchen? Auch Schwangere, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen seien durch die Hitze gefährdet. Und trotzdem habe man Menschen in Krankenhauszimmern bei 35 Grad liegen lassen. So etwas könne man doch nicht machen. Er hoffe wirklich, dass die Bekämpfung der Folgen und Ursachen des Klimawandels nun zurück auf die Agenda komme.

Der Klimaexperte nimmt in diesem Kontext alle Ebenen in die Pflicht: Die Gemeinden und Städte müssten zum Beispiel unbedingt für öffentlich zugängliche klimatisierte Schutzräume gegen die Hitze sorgen. Nicht nur für tagsüber, sondern auch für nachts, wenn die Temperaturen über 25 Grad blieben und den Menschen zu schaffen machten. Ganz zu schweigen von langfristigeren Maßnahmen, wie Begrünung und Oberflächen-Entsiegelung und mehr öffentlichen Wasserquellen - und natürlich auch wie dem Vorantreiben einer an den Klimawandel angepassten Renovierung des Wohnraums.

Es führe auch kein Weg vorbei an viel ehrgeizigeren Klimazielen, dem Umstieg auf erneuerbare Energiequellen und einer deutlich höheren Energie-Effizienz, so van Ypersele sinngemäß. Die Politik müsse endlich kapieren, dass man in puncto Sicherheit nicht nur über die Folgen von Kriegen in fernen Ländern reden müsse, sondern auch über den Schutz vor den Folgen des Klimawandels.

Boris Schmidt

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