Das Internet und die modernen Technologien haben unseren Alltag und unsere Arbeit in vielerlei Hinsicht komplett verändert und sicher zum Teil auch einfacher gemacht. Aber leider gilt das genauso für das Treiben von Verbrechern - auch für die Aktivitäten von Extremisten aller Couleur.
Nehmen wir zum Beispiel mal die Verbreitung von Propaganda: Vor dem Internet-Zeitalter mussten Terroristen schon ein Fernsehstudio oder einen Radiosender stürmen oder hoffen, dass die Medien ihre Videos ausstrahlen beziehungsweise ihre Communiqués veröffentlichen würden. Und sicher gab es auch subversive Netzwerke, die heimlich Propaganda-Pamphlete druckten und verteilten. Aber es war eine sehr aufwändige und zumindest für die Handlanger immer auch gefährliche Arbeit.
Heutzutage kann hingegen jeder, der das möchte, seine Gedanken in egal welcher Form auf zahllosen Internet- und Kommunikationsplattformen veröffentlichen und damit in Sekundenschnelle potenziell Tausende Anhänger erreichen. Mit oft so gut wie keinem nennenswerten Risiko. Das gilt auch für die Anwerbung und Ausbildung neuer Terroristen. Die sogenannten "Lone Wolf"-Attentäter, also radikalisierte Einzeltäter, haben ihre Auftraggeber oder Anstifter oft nie persönlich getroffen. Und sie müssen für die Vorbereitung ihrer Anschläge auch nicht mehr in irgendwelche Kalifate oder Schurkenstaaten reisen.
Wobei oft alles sehr harmlos beginnt, wie Radikalisierungsexperte Olivier Cauberghs in der VRT unterstreicht. Nämlich mit viel im Internet und in den Sozialen Medien verbrachter Zeit. Junge Menschen seien einfach auf den üblichen Plattformen unterwegs, also zum Beispiel auf Instagram, Facebook, Tiktok oder auch Roblox. Dort kämen sie dann mit konservativ getönten Nachrichten in Kontakt. Im Fall von islamistischem Extremismus gehe es da zum Beispiel oft um recht simple Botschaften, zum Beispiel Ratschläge, wie man ein besserer Moslem werde und Ähnliches. Aber Botschaften, die oft schon anti-westliche Konnotationen hätten.
Danach beginnen die eigentlichen Rekrutierungsversuche. Wer positiv auf solche Botschaften reagiert, sei es durch Likes, Antworten oder was auch immer, wird dann möglicherweise per Privatnachricht angesprochen und in geschlossene Chatgruppen eingeladen. Zum Beispiel auf Telegram, oder Rocket Chat oder auch Roblox. Solche Gruppen könnten Hunderte, ja sogar Tausende Mitglieder haben, hebt der Experte hervor. Und hier bleibt es dann auch nicht bei relativ unverdächtigen, vage konservativen Posts und Nachrichten. Hier gibt es dann die echte, unverblümte Propaganda, zum Beispiel eben auch von Dschihadisten. Wobei man für alle Deutlichkeit betonen sollte, dass auch alle anderen extremistischen Strömungen nach dem gleichen Muster operieren.
Das Ziel sei dabei eindeutig: Möglichst viele Menschen in diesen Gruppen dazu bringen, einen Anschlag zu verüben. Das besonders Perverse dabei ist, dass die Hintermänner dabei im Prinzip Lotterie spielen, wie Cauberghs erklärt: Sie streuen möglichst breit, versuchen also, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Und hoffen darauf, dass schon irgendjemand dabei sein wird, der am Ende tatsächlich zur Tat schreiten wird.
Wobei die Anstifter einen mächtigen Verbündeten haben: den allgegenwärtigen Algorithmus, der dafür sorgt, dass Menschen immer mehr vom Gleichen serviert bekommen und immer weniger von allem anderen. Je mehr Zeit man online verbringt, desto mehr. Und das führt zum bekannten Phänomen der Echokammer: Und dann werden die Betreffenden geradezu überspült mit einseitigen Informationen, zum Beispiel eben mit dschihadistischer, anti-westlicher oder spezifisch Anti-LGBTQ-Propaganda.
Damit ist die Rolle der Sozialen Medien aber noch nicht erschöpft: Solche Gruppen könne man eigentlich als eine Art Hotline zur Anschlagsvorbereitung sehen, hebt der Radikalisierungsexperte hervor. Inklusive Anleitungen, wie man Menschen am effektivsten mit Waffen ermorden oder in Menschenmengen rasen könne.
Boris Schmidt