Wenn das Gehirn in den Autopilot schaltet
Wer von solchen Fällen hört, reagiert oft mit Unverständnis. Doch das Phänomen ist so häufig, dass es einen eigenen Namen trägt: das "Forgotten Baby Syndrome". Vor allem in den USA wird seit Jahren dazu geforscht.
Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft können Stress, Schlafmangel oder Veränderungen im Alltag dazu führen, dass Eltern ihr Kind im Auto vergessen. Das Gehirn verlässt sich auf gewohnte Abläufe und schaltet bei Routinefahrten in eine Art Autopilot. Die Folge: Betroffene sind felsenfest davon überzeugt, das Kind bereits bei der Tagesmutter oder im Kindergarten abgegeben zu haben, obwohl es tatsächlich noch auf dem Rücksitz sitzt.
Keine Frage schlechter Fürsorge
Die Forschung widerspricht dabei einem weit verbreiteten Vorurteil: Eltern, die ihr Kind im Auto vergessen, handeln nicht aus Gleichgültigkeit oder mangelnder Fürsorge.
Stattdessen sprechen Wissenschaftler von einer neurobiologischen Schwachstelle des menschlichen Gehirns. Sie kann grundsätzlich jeden treffen, unabhängig davon, wie aufmerksam oder verantwortungsbewusst jemand normalerweise ist. Gerade diese Erkenntnis macht die Vorfälle so erschreckend.
Warnsysteme können Leben retten
Dabei gibt es technische Lösungen, die solche Tragödien verhindern können. Einige Hersteller bieten Warnsysteme für ihre Kindersitze an, daneben gibt es auch universell einsetzbare Modelle von Drittanbietern.
Das Prinzip ähnelt den bekannten Gurtwarnern im Auto. Ein Sensor am Kinder- oder Babysitz erkennt, wenn ein Kind nach dem Abstellen und Abschließen des Fahrzeugs zurückbleibt. In diesem Fall wird automatisch ein Alarm an das Smartphone der Eltern gesendet.
In Italien sind solche Systeme bereits seit mehreren Jahren vorgeschrieben.
Forderung nach einer Pflicht auch in Belgien
Warum eine solche Regelung hier bislang fehlt, ist unklar. In Flandern setzt sich inzwischen die CD&V dafür ein, Warnsysteme auch dort verpflichtend einzuführen.
Die Kosten gelten als überschaubar: Teilweise sind entsprechende Systeme bereits für rund 60 Euro erhältlich. Angesichts immer häufiger auftretender Hitzewellen könnte diese Investition Leben retten. Hinzu kommt, dass moderne Fahrzeuge zunehmend über stark getönte Scheiben verfügen, sodass von außen oft kaum noch zu erkennen ist, ob sich ein Kind im Wagen befindet.
Die CD&V zieht deshalb einen Vergleich mit dem Fahrradhelm. Auch er verursacht zusätzliche Kosten, kann im entscheidenden Moment aber Leben retten.
hln/okr