Dass Kinder großziehen kein Zuckerschlecken ist, davon können alle Eltern ein Lied singen. Weil so schön Kinder haben in vielerlei Hinsicht auch sein mag, es bedeutet immer auch viel Arbeit und Stress. Sehr viel Arbeit und Stress. Manche Eltern kommen damit besser klar als andere und natürlich spielen auch die jeweiligen Lebensumstände eine enorme Rolle. Aber egal wie und aus welchen Gründen: Manchmal wird es einfach zu viel, vor allem, wenn man Kinder mit einem Beruf vereinbaren muss. Und dann kann es eben auch passieren, dass Menschen arbeitsunfähig werden, dass sie zum Beispiel mit einem Burn-out oder Depressionen längerfristig ausfallen.
Am besten ist es natürlich, wenn es gar nicht erst so weit kommt. Aber um ein Problem effektiv bekämpfen zu können, muss man es erst mal verstehen. Dazu haben die Freien Krankenkassen die Daten von über 300.000 ihrer Mitglieder angeschaut bezüglich Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen. Und die Befunde sind eindeutig: Alleinstehende berufstätige Eltern haben ein deutlich höheres Risiko, mit mentalen Problemen auszufallen als Paare, erklärt Katrien De Reu im Interview mit der VRT. Sie ist Ärztin und Expertin der Freien Krankenkassen und hat an der Studie mitgearbeitet.
Und es gibt eine klare Geschlechterkluft: Berufstätige Mütter sind viel häufiger betroffen als arbeitende Väter, wenn sie in einer Partnerschaft leben, und erst recht, wenn sie alleinstehend beziehungsweise alleinerziehend sind.
In einer Partnerschaft ist es 2,3 Mal wahrscheinlicher, dass eine Mutter aus psychischen Gründen arbeitsunfähig wird als ein Vater, bei alleinstehenden Müttern sogar 2,7 Mal.
Mögliche Gründe
Weitere Faktoren sind laut der Studie die Zahl und das Alter der Kinder: Bei drei Kindern unter sieben Jahren ist die Gefahr psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeit bei Müttern schon drei Mal so hoch wie bei Vätern. Besonders frappierend: Bei Vätern scheint die Zahl der Kinder in dieser Hinsicht überhaupt keine Rolle zu spielen. Anscheinend sei es total egal, ob ein Mann gar keine, drei oder zehn Kinder habe, so De Reu. Genauso wenig übrigens, wie das Alter der Kinder oder wie lange die Geburt der Kinder zurückliege.
Aber warum ist das so? Biologische Gründe, wie dass Frauen von den körperlichen Strapazen der Geburt gekennzeichnet bleibt oder Ähnliches, sehen die Freien Krankenkassen nicht. Weil die Befunde gelten genauso für Eltern, die Kinder adoptiert haben.
Natürlich spielten oft verschiedene Gründe eine Rolle, so die Macher der Studie. Aber eine Sache sei klar: Traditionelle Geschlechtsmuster sind noch immer tief verankert in der Gesellschaft. Und die bedeuten eben, dass Frauen nach wie vor viel stärker belastet werden in puncto Pflege und Betreuung als Männer. Und dass von Frauen auch heute noch viel mehr erwartet wird, dass sie beruflich kürzertreten für ihre Kinder als Männer. Mit entsprechenden finanziellen Folgen und Karrierenachteilen, die schon bestehenden Stress noch weiter verschärfen können.
Arbeitsmarkt nicht kinderfreundlich
Der Arbeitsmarkt an sich sei im Prinzip wenig kinderfreundlich, führt De Reu aus. Und das gelte insbesondere Frauen gegenüber.
Strukturelle Probleme also – die nur durch strukturelle Reformen gelöst werden können. Die Freien Krankenkassen haben deshalb auch eine Reihe von Empfehlungen formuliert. Unter anderem müssten familienbezogene Freistellungen als Hebel genutzt werden, um für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen. Und auch, um alleinstehenden Eltern die Vereinbarung von Familie und Beruf zu vereinfachen.
Außerdem müssten finanzielle und organisatorische Hürden abgebaut werden, die das Nehmen von Elternurlaub erschweren, insbesondere bei Menschen, die in Teilzeit arbeiten. Auch ganz wichtig: in puncto verfügbare, erschwingliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ist noch viel Luft nach oben. Je besser die wird, desto größer die Chance, die Geschlechterkluft auf dem Arbeitsmarkt zu verkleinern.
Boris Schmidt