Es ist kurz nach 8 Uhr morgens, kurz vor Schulbeginn. Ein Kleinbus eines Subunternehmers, der für die flämische Nahverkehrsgesellschaft De Lijn fährt, ist auf einer Straße unterwegs, die parallel zur Bahnstrecke Londerzeel-Dendermonde verläuft. Zuvor haben der 49-jährige Fahrer und die 27-jährige Begleitperson insgesamt sieben Sekundarschüler eines Förderschulzentrums zu Hause abgeholt, um sie wie jeden Morgen zum Unterricht zu bringen.
Dann habe der Fahrer des Busses offenbar nach links abbiegen wollen, um einen Bahnübergang zu überqueren, erklärte An Berger von der Föderalen Polizei im Interview mit der VRT. Die Schranke des Bahnübergangs sei zu diesem Zeitpunkt geschlossen gewesen und der Kleinbus sei von einem Zug erfasst worden. Das bestätigen nach bisherigen Erkenntnissen auch die Kameras von Schienennetzbetreiber Infrabel, die den Bahnübergang überwachen, sagte Infrabel-Sprecher Frédéric Sacré der RTBF. Die Schranken seien normal geschlossen gewesen. Auch die Ampel habe Rot gezeigt, fügte Infrabel-Sprecher Thomas Baeken hinzu.
Was sich in diesen und den darauf folgenden Sekunden genau abspielt, ist Gegenstand intensiver Ermittlungen. Offenbar versucht der Fahrer des Kleinbusses in diesen Augenblicken aber nicht etwa, die geschlossenen Schranken im Slalom zu umfahren oder Ähnliches. Vielmehr scheint sein Kleinbus die Schranke offenbar gerammt und verbogen zu haben, wie Sacré erklärt. Auch Zeugen, die die Bilder der Überwachungskameras gesehen haben, sagten der Nachrichtenagentur Belga, dass der Kleinbus vor der Kollision mit dem Zug erst die Schranke gerammt habe.
Unmittelbar danach wird der Bus auf dem Bahnübergang von einem Personenzug gerammt. Der hatte gerade mit dem Abbremsmanöver begonnen, um im noch etwa einen Kilometer entfernten Bahnhof von Buggenhout zu halten. Der Zugführer leitet außerdem unmittelbar eine Notbremsung ein. Aber auch das kann den brutalen Crash nicht mehr verhindern: Der Zug kollidiert mit noch immer sehr hoher Geschwindigkeit mit dem Kleinbus.
Der Bus wird in die Luft katapultiert, beschreibt ein Zeuge, der am geschlossenen Bahnübergang steht und alles aus nächster Nähe miterlebt. In einer Sekunde sei alles vorbei gewesen, dann habe man Schreie und Heulen gehört. Soweit bekannt, wird der Bus vom Aufprall des Zugs zunächst gegen einen Pfeiler am Bahnübergang geschleudert, bevor er schließlich auf der Seite liegend auf der Auffahrt eines Wohnhauses zum Stehen kommt.
Die Fahrdatenschreiber des Zugs müssen zwar noch ausgewertet werden, aber nach ersten Erkenntnissen ist der Zug wohl noch etwa 90 Kilometer pro Stunde schnell, als es zu dem Zusammenstoß kommt. Unter solchen Bedingungen seien die Chancen für Insassen eines gerammten Fahrzeugs auf den Schienen klein, so Sacré.
Die tragische Bilanz: vier Tote, teilt Lisa De Wilde von der Staatsanwaltschaft Ostflandern bei einer Pressekonferenz am späten Vormittag mit. Es handelt sich um den 49-jährigen Fahrer des Schulbusses, die 27-jährige Begleiterin und zwei Sekundarschüler im Alter von zwölf und 15 Jahren. Die übrigen fünf Schüler im Bus werden zum Teil schwer verletzt, schweben aber nach Behördenangaben nicht mehr in Lebensgefahr. Einziger, kleiner Lichtblick der Tragödie: Im Zug gab offensichtlich keine weiteren Verletzten.
Es handele sich wohl um einen der schwersten Unfälle an einem Bahnübergang in der Geschichte Belgiens, so Thomas Baeken von Infrabel. Es sei ein sehr schwarzer Tag für alle Betroffenen. Alle Gedanken würden nun den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden gelten.
Die Ermittlungen konzentrieren sich nun vor allem darauf, warum der Kleinbus erst die geschlossene Schranke gerammt hat und dann auf den Schienen gelandet ist. Hierbei steht auch die Frage im Raum, ob dem Fahrer möglicherweise unwohl geworden sein könnte vor dem Unfall oder ob andere Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Man ermittle in alle Richtungen, so die Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang.
Der Fahrer habe diese Arbeit schon sehr lange ausgeübt, sagte De-Lijn-Sprecher Frederik Wittock. Aus seinem Personaldossier gehe auch nicht hervor, dass er sich jemals etwas habe zuschulden kommen lassen. Man gehe auch davon aus, dass er mit seiner Fahrtroute und mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gewesen sei.
Boris Schmidt