Deutlich über 570.000 Arbeitnehmer und Selbstständige sind in Belgien aktuell langfristig krankgeschrieben, fallen also länger als ein Jahr für den Arbeitsmarkt aus und bekommen in dieser Zeit auch Krankengeld. Die allermeisten dieser Menschen wohnen auch in Belgien. Aber etwas weniger als 15.000 in Belgien gemeldete Langzeitkranke leben im Ausland, wie am Donnerstag die Zeitung Het Laatste Nieuws berichtet hat. Das entspricht etwa zweieinhalb Prozent aller Langzeitkranken.
Das ist an sich auch nicht wirklich verwunderlich, erklärt Professor für Arbeitsmedizin Lode Godderis im Interview mit der VRT: Arbeitnehmer bezahlten ihre Sozialbeiträge in den Ländern, in denen sie arbeiteten. Also bekämen sie ihre Krankenbezüge auch von diesen Ländern. Das sei einfach das entsprechende europäische Grundprinzip. Belgien sei nun einmal ein relatives kleines Land, das von größeren Ländern umgeben sei wie Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Entsprechend gebe es eine nicht unerhebliche Zahl an Grenzgängern. Und wenn die krankheitsbedingt ausfielen, würden ihre Bezüge natürlich ins Ausland bezahlt.
Und Grenzgänger sind ja auch nicht die einzigen Ausländer, die in Belgien arbeiten und dadurch soziale Rechte erwerben. Solche Menschen könnten in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten könnten, unterstreicht Godderis. Zum Beispiel, wenn sie dort noch über Immobilien verfügten, in denen sie leben könnten. Es gibt auch noch eine weitere Gruppe Langzeitkranke, die im Ausland leben: Belgier, die eine Wohnung oder ein Haus im Ausland haben. Und sich eben entscheiden, dorthin zu ziehen. Es gibt im Übrigen kein Verbot, als Langzeitkranker ins Ausland zu ziehen, schon gar nicht innerhalb der Europäischen Union. Die Betroffenen müssen ihre Krankenkassen lediglich über den Schritt informieren.
Unabhängig von den konkreten individuellen Gründen steht aber eine Sache steht fest: Sobald Langzeitkranke aus welchen Gründen auch immer das Land verlassen, wird es deutlich schwieriger für die Krankenkassen, sie zu kontrollieren. In der Praxis sei eine solche Kontrolle eigentlich oft kaum umsetzbar, räumt der Gesundheitsexperte ein. Dann haben die Krankenkassen nämlich eigentlich keine andere Wahl, als Ärzte vor Ort damit zu beauftragen, die Langzeitkranken zu begleiten beziehungsweise zu überprüfen. Und inwiefern die dazu willens beziehungsweise überhaupt in der Lage sind, darf sicher hinterfragt werden.
Trotzdem gebe es dank des technischen Fortschritts mehr Möglichkeiten, um Kranke effektiver zu kontrollieren und zu begleiten als früher, zum Beispiel mittels Videokonsultationen. Denn das Ziel müsse natürlich bleiben, mehr Menschen zurück in Arbeit zu bringen, egal wo sie zwischenzeitlich ihre Zelte aufgeschlagen hätten, so Godderis sinngemäß. Generell verwehrt sich der Experte aber gegen den Generalverdacht, dass Langzeitkranke Profiteure oder Ähnliches sind. Die allermeisten von ihnen bekämen ihre Bezüge völlig zu Recht, betont Godderis. Aber es gebe eben sicher auch Fälle von Missbrauch – und dagegen müsse dann eben auch vorgegangen werden.
Insgesamt wohnen wie erwähnt sowieso nur etwa zweieinhalb Prozent der Langzeitkranken im Ausland, was für sich genommen in der Tat nicht viel erscheint. Allerdings wirft eine Entwicklung Fragen auf in diesem Zusammenhang: Die Zahl der im Ausland lebenden Kranken wächst verhältnismäßig betrachtet viel schneller als die der Langzeitkranken insgesamt. In den vergangenen fünf Jahren war es eine Zunahme von fast 60 Prozent - im Vergleich zu den plus 22 Prozent bei Langzeitkranken insgesamt. Dafür haben die Krankenkassen auch keine Erklärung. Das Phänomen sei einfach noch nicht wirklich untersucht worden sei, heißt es.
Boris Schmidt