"Wir sollten endlich aufhören zu versuchen, uns gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben". Luc Van Gorp ist derzeit im Zentrum eines Sturms. Der 59-Jährige ist Chef der Christlichen Krankenkasse. Er und seine roten beziehungsweise blauen Kollegen stehen in der aktuellen Debatte über die hohe Zahl von Langzeitkranken derzeit am Pranger.
Das ist fast wörtlich zu verstehen, denn am Montag wurden die Chefs der drei großen Krankenkassen im zuständigen Kammerausschuss angehört. Und das wirkte fast so, als wären Schuljungen zum Direktor zitiert worden. Sie wurden regelrecht durch die Mangel gedreht. Der allgemeine Tenor: Die Krankenkassen sind schuld daran, dass die Zahl der Langzeitkranken schwindelnde Höhen erreicht hat.
Letzteres stimmt in jedem Fall. 575.000 Menschen haben im vergangenen Jahr Invaliditätsleistungen bezogen. Das waren rund 100.000 mehr als fünf Jahre zuvor, ein Plus von satten 25 Prozent. Allein dieser Vergleich spricht Bände.
Darüber hinaus kommen im Moment fast täglich Studien oder vertrauliche Papiere ans Licht, die den Kritikern noch zusätzlich Auftrieb geben. Gerade erst wurden wieder die Ergebnisse einer Stichprobe bekannt, aus der hervorgeht, dass sechs von zehn der kontrollierten Langzeitkranken arbeitsfähig ist.
"Das Scheitern ist kollektiv", wiederholte Luc Van Gorp in der VRT seine Antwort auf die Vorwürfe der Kritiker. Das Problem der Langzeitkranken sei nicht neu. Nur habe es bislang niemanden wirklich interessiert. "Jetzt, wo der Haushalt entgleist und die Regierung auf der Suche nach Geld ist, will man möglichst schnell möglichst effiziente Lösungen. Dann ist es sehr einfach, sich auf eine Branche einzuschießen, nämlich auf diejenigen, die das Geld letztlich auszahlen."
Van Gorp betont immer wieder, dass er sich nicht aus der Verantwortung stehlen will. "In diesem System läuft viel schief, und hier tragen alle Akteure einen Teil der Verantwortung. Nur: Einige Schuhe ziehen wir uns definitiv nicht an", macht der Chef der Christlichen Krankenkasse klar. "Etwa wenn man uns vorwirft, wir würden nicht streng genug kontrollieren. Seit Langem fordern wir mehr Mittel, um diese Kontrollen durchführen zu können, stattdessen werden uns aber noch die Mittel gekürzt." Und so stelle er sich die Frage, ob die Politik dieses Problem überhaupt lösen will. Dies erst recht, wenn man darüber hinaus feststellen muss, dass die Politik offensichtlich die Rolle der anderen Akteure gar nicht erst hinterfragt, nicht die der Arbeitgeber, nicht die der Ärzte, und auch nicht die der Gesellschaft.
Denn, und das ist für den Chef der Christlichen Krankenkasse der Punkt: Die Politik setzt am falschen Ende an. So müsse man sich doch auch mal die Frage stellen, was die Menschen letztlich krank macht. Und die zweite, mindestens genauso wichtige Frage: Warum finden sie nicht den Weg zurück ins Arbeitsleben? Hier sind zum Beispiel auch die Arbeitgeber gefragt, ist Luc Van Gorp überzeugt. In Belgien war es bis vor Kurzem so, dass ein Unternehmen nur einen Monat lang die Lohnfortzahlung übernahm, danach "fiel man auf die Krankenkasse", wie man sagt. In den Niederlanden zum Beispiel ist ein Arbeitgeber zwei Jahre für die Mitarbeiter verantwortlich sind, die krankheitsbedingt ausfallen. Dann wird ein Betrieb auch alles dafür tun, dass seine Beschäftigten nicht krank werden.
Hier geht es um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das man nicht lösen kann, indem man sich einen Akteur herauspickt. Und natürlich haben die Krankenkassen weiter ihre Existenzberechtigung, ist Luc Van Gorp überzeugt. Angefangen damit, dass man eine so sensible Materie nicht dem Markt überlassen darf. "Außerdem muss es weiterhin so sein, dass man sich jeden Fall individuell anschaut, denn jeder Fall ist anders. Und, mal provokativ gefragt: Wer, wenn nicht wir, würde diesen Job denn sonst machen? Und davon abgesehen: Jeder, ob nun privat oder staatlich, jeder müsste den Job genauso machen wie wir."
Roger Pint