Fast 577.000 Menschen waren in Belgien Ende 2025 langfristig krankgeschrieben. Sprich sie waren für mehr als ein Jahr aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig deklariert und bekamen entsprechende Bezüge. Ein neuer Rekord. Wieder ein neuer Rekord, muss man sogar sagen, denn die Zahl der Langzeitkranken kennt seit Jahren nur eine Richtung: aufwärts. Belgien ist in dieser Hinsicht sogar europäischer Spitzenreiter.
Das hat auch dramatische finanzielle Folgen: Elf Milliarden Euro kosten die Langzeitkranken den Staat nämlich. Und da sind Beamte, die bisher aus gesundheitlichen Gründen in Krankenrente geschickt wurden, noch nicht mal mitgezählt. Sie würden weitere fast 85.000 Personen zur ohnehin schon bitteren Bilanz dazu addieren. Kein Wunder also, dass der Posten "Kosten für Langzeitkranke" Begehrlichkeiten weckt in Zeiten leerer Haushaltskassen.
Die darum tobende Debatte ist zudem gerade in eine Stromschnelle geraten. Schuld daran sind geleakte Ergebnisse von zwei Stichprobenuntersuchungen des Landesamts für Kranken- und Invalidenversicherung Likiv, auch bekannt unter seiner französischen Abkürzung Inami. Das Likiv hat demnach nämlich tausend Dossiers von jungen Langzeitkranken beziehungsweise Langzeitkranken mit psychischen Problemen unter die Lupe genommen. Das Likiv ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass rund ein Viertel der betroffenen Patienten gar nicht arbeitsunfähig ist. Oder zumindest nicht so arbeitsunfähig, wie sie aktuell eingestuft sind.
Arbeitsweise der Kontrollärzte kritisch durchleuchten
Man müsse feststellen, dass die Kontrollärzte der Krankenkassen Menschen sehr oft Arbeitsunfähigkeit attestierten, so Minister für Volksgesundheit und Soziale Angelegenheiten Frank Vandenbroucke gegenüber der VRT. Menschen, von denen das Likiv denke, dass sie sehr wohl noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.
Diese unterschiedlichen Einschätzungen müssten die Krankenkassen seiner Meinung nach begründen. Die Arbeitsweise der Kontrollärzte der Krankenkassen müssen in diesem Zusammenhang wirklich kritisch durchleuchtet werden.
Es gehe nicht darum, in Abrede zu stellen, dass auch Menschen mit psychischen Problemen arbeitstechnisch eingeschränkt sein könnten, unterstreicht der Minister. Menschen, die beispielsweise wegen Burn-out oder Depressionen ausfielen, hätten echte Probleme. Aber die Frage müsse eben trotzdem sein, was man daraus gegebenenfalls noch machen könne. Und das sei das, was die Ärzte des Likiv versuchten. Die stellten die Frage, welche Arbeiten solchen Menschen noch angeboten werde könnten. Und das sei eben nicht das, was die Kontrollärzte der Krankenkassen oft täten.
Mentalitätswandel gefordert
Vandenbroucke fordert in diesem Zusammenhang einen Mentalitätswandel. Er finde es wichtig, Menschen möglichst große Chancen auf Arbeiten zu geben. Entsprechend breit müsse über entsprechende Angebote für Langzeitkranke nachgedacht werden.
Das will Vandenbroucke aber nicht dem Zufall überlassen. Die Frage, wie Arbeitsunfähigkeit bewertet werde, habe alles mit der Anwendung der entsprechenden Gesetzgebung zu tun. Deshalb glaube er auch, dass diese Gesetzgebung angepasst werden müsse.
Eigentlich habe er das als letzte große Reform geplant gehabt, nach diversen Reformen, die gerade liefen. Aber nun denke er, dass man da einen Gang höher schalten müsse. Die Debatte, was Arbeitsunfähigkeit eigentlich bedeute, könne nicht warten, so Vandenbroucke.
Im Sozialausschuss der Kammer haben sich Vertreter der Krankenkassen am Montagnachmittag gegen die anhaltende Kritik in Sachen Langzeitkranke verteidigt. Die Zahlen aus dem Bericht könnten nicht verallgemeinert werden, so die Krankenkassenvertreter. Die Vertrauensärzte seien in vielen Fällen sogar zu streng. Jeder dritte Versicherte, der gegen eine Entscheidung beim Arbeitsgericht klage, erhalte Recht.
Auch werde oft vergessen, dass von den 575.000 Langzeitkranken in Belgien etwa 100.000 wieder zeitweise arbeiteten. Leider gebe es zu wenige Arbeitgeber, die bereit seien, Betroffenen einen angepassten Job zu geben.
Boris Schmidt