Dass Merchandising inzwischen weit mehr ist als nur ein Nebenprodukt von Konzerten, zeigt sich schon an der Bedeutung, die der Branche dem Thema beimisst. Zwar haftet Fanartikeln oft das Image an, vor allem Geldmaschinen zu sein - besonders bei Weltstars wie Billie Eilish oder Harry Styles. Dort werden Produkte in großen Stückzahlen produziert und mit hohen Gewinnmargen verkauft. Doch gerade für kleinere Bands erfüllen Shirts und Hoodies noch eine andere Funktion: Sie sorgen für Aufmerksamkeit.
Fans als wandelnde Werbetafeln
Die Fans sind buchstäblich wandelnde Werbetafeln, beschreibt Lucas Declercq den Effekt. Er arbeitet für VI.BE, ein Interessenvertreter des Musiksektors in Flandern. Wer ein Bandshirt trägt, macht den Namen der Gruppe sichtbar - und manchmal entstehen daraus sogar echte Gespräche.
Declercq erzählte in der VRT die Anekdote, dass er selbst einmal in einem Museum in New York ein T-Shirt der belgischen Band Whispering Sons trug. Auf dem Shirt stand die Liedzeile "I've never been much of a talker", zu Deutsch: "Ich war noch nie sehr gesprächig". Ausgerechnet dieser Satz brachte Museumswärter dazu, ihn auf das Shirt anzusprechen. So entwickelte sich ein Gespräch über die Band und ihre Musik. Besonders junge Acts können so mögliche neue Fans neugierig machen.
Zwischen Identifikation und Modeaccessoire
Für viele Fans ist das Tragen eines Bandshirts aber auch Ausdruck von Zugehörigkeit. Wer ein Shirt von Metallica trägt, sendet eine andere Botschaft als jemand mit einem Justin-Bieber-Aufdruck. Musikgeschmack wird sichtbar - und oft auch Teil der eigenen Identität.
Gleichzeitig hat sich das Verhältnis zu Merchandising verändert. Immer häufiger tragen Menschen Shirts von Bands, deren Musik sie kaum oder gar nicht kennen. Vor allem große Modeketten haben diesen Trend entdeckt und bringen klassische Bandmotive zurück in die Geschäfte. Nirvana-Shirts werden inzwischen auch von Menschen getragen, die die Grunge-Ära der 1990er-Jahre nie selbst erlebt haben.
Das große Geschäft nach dem Konzert
Der wichtigste Verkaufsort für Merchandising bleibt dennoch das Konzert selbst. Direkt nach einem Auftritt ist die Stimmung ideal, um sich ein Erinnerungsstück an den Abend mitzunehmen. Besonders attraktiv wird es für Fans, wenn Künstler persönlich am Merchandisingstand auftauchen, Selfies machen oder Autogramme geben - etwas, das vor allem kleinere Acts regelmäßig tun.
Wie wichtig Merchandising inzwischen geworden ist, zeigt sich sogar bei VIP-Angeboten. Bei manchen Konzerten erhalten Käufer teurer Tickets bevorzugten Zugang zu den Verkaufsständen. Während sich andere Fans durch die Menge drängen, können VIP-Gäste in Ruhe einkaufen. Auch das macht deutlich: Bandshirts und andere Fanartikel sind längst mehr als nur Souvenirs - sie sind ein zentraler Bestandteil der Musikkultur und für viele Künstler eine wichtige Einnahmequelle geworden.
vrt/okr