Allein die Zahlen machen schon deutlich, dass man sich im Interesse der eigenen Gesundheit gründlich mit dem Thema auseinandersetzen sollte, bevor man sich in die Sonne begibt. Falsches Verhalten kann im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährliche Folgen haben: Mehr als die Hälfte der Belgier hat sich nämlich im letzten Jahr einen Sonnenbrand geholt.
Besonders besorgniserregend: Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 24 Jahren sind es sogar fast drei Viertel. Und auch bei Kindern ist ein deutlicher Anstieg der Sonnenbrandfälle festzustellen.
Diese Sorglosigkeit hat dramatische Konsequenzen: Pro Jahr werden in Belgien über 50.000 neue Fälle von Hautkrebs diagnostiziert. Jeder fünfte Belgier wird vor dem Alter von 75 Jahren Hautkrebs bekommen. Bezogen auf die letzten 20 Jahre belegen die Statistiken eine Zunahme der Hautkrebsfälle um satte 500 Prozent. So etwas gibt es bei keiner anderen Krebsart.
Aber woran liegt das? Die Antwort ist wie immer vielschichtig. Aber ein ganz gewichtiger Grund ist gesellschaftlich-kulturell: Sonnenbräune wird häufig mit Luxus assoziiert, mit Urlaub, Glück und nicht zuletzt natürlich Attraktivität. Werbung, Filme, Fernsehen, Fotos, Musik, soziale Medien, Influencer – wir werden andauernd und überall mit entsprechenden Klischees bombardiert.
"Die Patienten kommen immer häufiger mit falschen Informationen zum Arzt", bestätigt die Dermatologin Samira Baharlou in der RTBF. Das koste wirklich Zeit, diese Falschinformationen zu korrigieren. Aber erst danach könne man die Menschen korrekt informieren über Risiken und richtiges Verhalten.
Auffällig dabei: Das Risikoverhalten scheint stark vom Alter abzuhängen. Über-40-Jährige schützen sich im Schnitt viel besser vor der Sonne als junge Menschen. Dafür gibt es logische Gründe. Zum einen ist die Risikowahrnehmung in jungen Jahren grundsätzlich oft weniger ausgeprägt. Nur knapp die Hälfte der jungen Menschen hat Angst, später mal Hautkrebs zu bekommen.
Zum anderen informieren sich Jugendliche viel stärker als ältere Erwachsene über die sozialen Medien. Content, der Influencer braungebräunt zeigt oder beim Sonnen ohne Schutz, läuft gut, hält der Psychologe Julien Tiete fest. Wenn dieser Content gepusht wird durch positives Feedback wie Likes oder Reposts, dann sei das schon eine Gefahr in puncto vermittelte Botschaft. Und die berüchtigten Algorithmen tun dann das Übliche, um solche Trends zu verstärken.
Kein Wunder also, dass 60 Prozent der 16-24-Jährigen es wichtig finden, im Sommer gebräunt zu sein. 40 Prozent geben sogar an, sich lieber einen Sonnenbrand zu holen als blass und bleich aus den Ferien zurückzukommen.
Das Problem ist aber nicht nur, was implizit vermittelt wird, sondern auch explizite Botschaften, die zu Fehlverhalten ermuntern: Von Anleitungen, wie man möglichst schnell braun wird oder sexy "tan lines" (Bräunungsstreifen) bekommt über Behauptungen, dass Vorbräunen gegen Sonnenbrand schützt oder dass man Sonnenschutz nur bei heller Haut braucht bis hin zu Verschwörungstheorien, dass Sonnencreme toxisch beziehungsweise gesundheitsschädlich oder sogar krebserregend ist, findet man hier alles. Und zwar massiv.
Diese Dauerberieselung verfehlt ihre Wirkung nicht: 49 Prozent der befragten jungen Menschen sind überzeugt, dass Sonnenbräunung gegen Sonnenbrand schützt. Ein Irrglaube, wie Brecht Gunst von der Stiftung gegen Krebs unterstreicht. Bräunung ist zwar eine Schutzreaktion der Haut gegen UV-Strahlen. Aber das schädigt auch die DNA der Haut. Jedes Mal, wenn wir unsere Haut verbrennen, erhöht sich das Risiko auf Hautkrebs also erheblich.
Aufgrund der Kommunikationskanäle ist es aber besonders schwer, junge Menschen zu erreichen, halten Hautexperten fest. Deshalb hat das Dermatologen-Netzwerk "Euromelanoma" seine diesjährige Sensibilisierungskampagne auch "Bullshit" getauft.
Das Ziel ist, "Bullshit" (Schwachsinn) übers Sonnen und die damit verbundenen Risiken zu bekämpfen - in den sozialen Medien selbst, in der Hoffnung, die Jugendlichen und jungen Menschen so besser erreichen zu können und damit hoffentlich zumindest einige von ihnen davor zu bewahren, in ein paar Jahren Hautkrebs zu bekommen, weil sie auf das Gelaber unqualifizierter Social-Media-Persönlichkeiten gehört haben.
Boris Schmidt