Für viele Menschen sind die eigenen Finanzen ein Thema, über das sie sich nicht gerne offen auslassen. Nicht umsonst gibt es ja auch den bekannten Ausdruck "über Geld spricht man nicht". Aber was im Privaten jeder mit sich selbst ausmachen muss, gilt nicht im Beruflichen. Beziehungsweise bald nicht mehr.
Boris Schmidt erklärt uns warum...
Schon mal was von "Richtlinie (EU) 2023/970" gehört? Vermutlich nicht, wenn man nicht gerade ein Experte in Sachen EU-Recht und Wirtschaft ist. Aber "Richtlinie (EU) 2023/970" betrifft ein sehr wichtiges Prinzip: den Grundsatz "des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit durch Entgelttransparenz und Durchsetzungsmechanismen".
Oder einfacher ausgedrückt: "gleicher Lohn für gleiche Arbeit", fasst Ellen Roelants vom Personaldienstleister Acerta im Interview mit der VRT zusammen. Bis spätestens zum 7. Juni dieses Jahres muss die EU-Richtlinie in belgisches Recht umgesetzt werden. Wie das konkret passieren soll, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch unbekannt.
Was allerdings bekannt ist, das ist, dass die belgische Wirtschaft nicht gut vorbereitet ist auf diese Umstellung. Aus einer Untersuchung von Acerta geht hervor, dass in Belgien noch längst nicht konsequent und transparent über Löhne und Gehälter kommuniziert wird vonseiten der Firmenleitung.
Im landesweiten Durchschnitt teilt gerade mal die Hälfte der Betriebe ihren Arbeitnehmern mit, was ihre Kollegen verdienen. Regional aufgeschlüsselt schneidet die Wallonie dabei noch am besten ab mit 62,5 Prozent, in Brüssel sind es immerhin noch 48,8 Prozent, in Flandern hingegen eher klägliche 32,3 Prozent.
Nicht viel besser sieht übrigens bei der Auskunftsfreude bei Bewerbungen aus. Im Schnitt sind nur knapp 44 Prozent der Unternehmen den Bewerbern gegenüber offen, was die Löhne der Kollegen in spe in gleicher Funktion angeht. Auch hier wird Transparenz in Zukunft verpflichtend sein. Und Betriebe werden dann übrigens auch nicht mehr fragen dürfen, was Bewerber in ihrem alten Job verdient haben.
Wie gut das mit der Lohntransparenz schon jetzt funktioniert, hängt aber nicht nur von der Region ab, unterstreicht die Acerta-Expertin - sondern vor allem auch von der Größe der Firma. Große Unternehmen seien im Allgemeinen schon besser vorbereitet auf die neue Richtlinie. Das liege auch daran, dass große Betriebe einfach klare Lohnstrukturen bräuchten und auch viel eher schon mit solchen Situationen konfrontiert worden seien. Bei kleinen Betrieben mit nur wenigen Arbeitnehmern sei das viel seltener der Fall.
Acerta sieht verschiedene mögliche Gründe für die unzureichende Vorbereitung belgischer Betriebe. So herrsche in manchen Firmen einfach Angst, dass man die Büchse der Pandora öffne, wenn alle wüssten, was ihre Kollegen verdienten, sprich dass es zu endlosen Diskussionen und Forderungen nach Lohnerhöhungen kommen könnte.
Dann sei da vor allem auch die Sorge, einzelnen Arbeitnehmern erklären zu müssen, warum bestimmte Kollegen mehr verdienten. Für so etwas sei es wichtig, die richtigen Worte und Argumente zu finden, denn es gebe durchaus legitime Gründe, um zwei Arbeitnehmern mit ungefähr der gleichen Funktion nicht gleich viel Lohn zu bezahlen. Zum Beispiel mehr Erfahrung, eine schwerere Verantwortung, mehr Zuständigkeiten und so weiter. Aber das müsse eben auch ordentlich erklärt und vor allem objektiv und nachvollziehbar gerechtfertigt werden können - und dann auch wirklich gemacht werden.
Eine weitere gewichtige Ursache könne aber auch einfach das Fehlen des gesetzlichen Rahmens sein. Ohne die konkreten Gesetzestexte zu kennen, sei es für Betriebe natürlich auch schwierig, zu wissen, was sie genau tun müssten. Selbst wenn die Wirtschaft willens und proaktiv sei, bremse sie das aus.
Boris Schmidt