Schreie, Panik, Rauch, Staub, Scherben, Trümmerteile, zerfetztes und herrenloses Gepäck. Sekunden haben gereicht, um die Abflughalle des Brüsseler Flughafens in eine Hölle zu verwandeln. Es ist 07:58 Uhr. "Es waren zwei dicht aufeinanderfolgende Explosionen, die zweite hat die Zwischendecke der Halle teilweise einstürzen lassen", berichtet eine Augenzeugin. "Die Glasfassade ist schwer beschädigt. Draußen überall Verletzte, viele Verletzte, es herrschte Panik", ergänzt ein anderer Überlebender.
In der verwüsteten Halle stolpern geschockte Menschen umher, rufen um Hilfe, rennen, kriechen oder liegen regungslos in Blutlachen. Inmitten des Chaos gibt es aber auch Menschen, die versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren, zu helfen, zu retten, zu organisieren. Viele Opfer scheinen zunächst gar nicht zu begreifen, was passiert ist. Andere hingegen haben nicht die geringsten Zweifel: Das muss ein Terroranschlag gewesen sein. Auch die Behörden schalten sofort: Die Bahnverbindung zum Flughafen wird umgehend unterbrochen, der Flugverkehr eingestellt, ein Krisenzentrum eingerichtet. Denn niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, ob in Zaventem nicht vielleicht noch weitere Terroristen zuschlagen könnten.

Eine berechtigte Sorge, wie sich nicht viel später auf furchtbare Weise bestätigen wird. Allerdings nicht am oder um den Flughafen, sondern gut ein Dutzend Kilometer entfernt, im Herzen des Europaviertels. Hier wird um 09:11 Uhr ein U-Bahn-Zug von einer Explosion zerrissen, kurz, nachdem er die Metrostation Maelbeek verlassen hatte. Auch hier sind die Szenen apokalyptisch.
Wer noch gehen kann und sich aus den Trümmern befreien kann, versucht verzweifelt, durch die rauchgefüllten, dunklen Tunnel zu entkommen. Auch hier absolute Panik. Auch, weil die Menschen zu diesem Zeitpunkt schon wussten, was sich in Zaventem ereignet hatte.
Die Bürgersteige in der Rue de la Loi rund um die Station Maelbeek werden zu einem improvisierten Lazarett, auch hier versuchen zufällig anwesende Bürger zu helfen, wo es geht. Während die Polizei versucht, den Weg für die Rettungskräfte freizumachen und für etwas Ordnung zu sorgen, immer mit der Sorge im Nacken, dass es jederzeit zu weiteren Anschlägen kommen könnte.

Die Terrorwarnstufe für das gesamte Land wird deswegen auf vier angehoben, die höchstmögliche, nun gilt auch offiziell: Die Bedrohung wird als sehr ernst und unmittelbar bevorstehend beurteilt. In ganz Brüssel werden Busse und Trams in die Depots zurückbeordert, alle U-Bahn-Linien sind unterbrochen, die Stationen werden evakuiert, das Telefonnetz ist hoffnungslos überlastet.
"Was wir befürchtet hatten, ist eingetreten"
Um kurz nach zehn Uhr, knapp zwei Stunden nach Beginn des Albtraums, bestätigt der Prokurator des Königs, was viele schon befürchtet hatten: Die Anschläge gehen auf das Konto von Selbstmordattentätern. Und die föderale Staatsanwaltschaft hat noch eine eindringliche Botschaft an die Bevölkerung. Unnötige Bewegungen soll man vermeiden, bleiben, wo man gerade ist. Auch die Geschäfte beginnen zu schließen. Abgesehen vom Lärm der Sirenen, Einsatzfahrzeuge und Hubschrauber beginnt eine fast schon gespenstische Ruhe in Brüssel einzukehren.
Am Mittag gibt es auch die offizielle Bestätigung aus dem Mund von Premierminister Charles Michel: "Was wir befürchtet hatten, ist eingetreten", so der erschütterte Premier, das Land sei von ebenso verheerenden wie feigen und blinden Attentaten getroffen worden. Ein tragischer und schwarzer Augenblick für das Land. Deswegen rufe er alle mehr denn je auf, die Ruhe zu bewahren. Und sich solidarisch und geeint zu zeigen angesichts dieser schweren Prüfung.
Auch der König richtet am Abend des Schreckenstags einen entsprechenden Appell an die Bevölkerung, das Staatsoberhaupt ruft zu Entschlossenheit, Besonnenheit und Würde auf angesichts der feigen und verachtenswerten Anschläge. Das ganze Land trauere um die Opfer. Der 22. März werde für niemanden je wieder ein Tag wie jeder andere sein.
Insgesamt haben die Anschläge am Brüsseler Flughafen und in der Metrostation Maelbeek 32 Menschen das Leben gekostet, Hunderte weitere wurden zum Teil schwerst verletzt und leiden bis heute körperlich und seelisch. Nach einem Mammutprozess wurden die überlebenden Attentäter und diverse Helfer Ende 2023 zu langjährigen und lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Davor waren verschiedene von ihnen bereits in Frankreich wegen ihrer Beteiligung an den Terroranschlägen von Paris zu schweren Strafen verurteilt worden.
In Brüssel wird am Sonntag der Opfer der islamistischen Terroranschläge vom 22. März 2016 gedacht - zuerst gegen 8 Uhr in der Abflughalle des Flughafens in Zaventem und danach in der Metrostation Maelbeek. Ab 12 Uhr findet eine Zeremonie am Denkmal für die Terroropfer in der Nähe des Schuman-Platzes im Europaviertel statt. An den gemeinsam von der Föderalregierung, dem Brüsseler Flughafen und der Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft STIB organisierten Gedenkveranstaltungen nimmt auch das Königspaar teil.
Boris Schmidt