Abdel El Gammal ist Professor für Geopolitik der Energie an der Freien Universität Brüssel und auch Generalsekretär der Europäischen Energie-Forschungs-Allianz EERA, in der sich rund 250 Organisationen aus dem Energiesektor aus mehr als 30 Ländern vereinigt haben. El Gammal ist ein Mann, der sich auskennt mit energiepolitischen Fragen und dem Einfluss, der ein Krieg auf die Energieversorgung in der Welt haben kann.
Sein Urteil hat Hand und Fuß,und leider aus der Sicht eines jeden Verbrauchers in Belgien hatte er Dienstagvormittag im Radio der RTBF keine guten Nachrichten. Denn El Gammal bestätigte, dass der Krieg in Nahost höchstwahrscheinlich ziemlich schwere Konsequenzen auf die Energiepreise in Belgien haben wird. Wie genau diese Konsequenzen aussehen werden, kann allerdings auch der Experte nicht sagen. "Alles wird davon abhängen, wie lange der Konflikt dauern und wie weit er sich ausdehnen wird", sagt El Gammal.
Zwei Faktoren machen den Krieg in Nahost gerade so bedeutend für die künftige Entwicklung der Energiepreise in Belgien. Zum einen sei das die grundsätzliche Abhängigkeit Europas von Energiequellen außerhalb Europas. 95 Prozent seiner Gasmenge, und 90 Prozent seines Öls würde Europa von außerhalb importieren, sagt El Gammal. "Wir sind ganz praktisch abhängig von dem, was in den Regionen passiert, die entscheidend für die Gas- und Ölproduktion sind", fügt er hinzu.
Die Kriegsregion um den Iran herum, am Persischen Golf, ist so eine Region, in der massiv Gas und vor allem Öl für Europa produziert wird. Als Reaktion auf den Angriff der USA und Israels habe der Iran jetzt die Straße von Hormus blockiert. Diese Meerenge ist der einzige Zugang zum Persischen Golf. Jetzt kommt dort kein Schiff mehr heraus - die Energielieferung ist blockiert.
Wenn das nur ein paar Tage andauern würde, sagt Professor El Gammal, wäre alles wahrscheinlich kein größeres Problem. Denn aktuell gäbe es noch eine Reihe von Reserven, die die Länder angelegt hätten. Öl sei auch noch auf Tankern auf den Weltmeeren unterwegs. Der erste Schock, der bei Kriegsausbruch die Märkte getroffen hatte, könnte dadurch aufgefangen werden.
Ab dem Moment jedoch, an dem diese Reserven aufgebraucht seien, werde sich die Lage verschärfen. Dann würden die Preise noch einmal viel deutlicher steigen, als das jetzt aktuell schon geschehen sei. Wenn El Gammal von Preisen spricht, spricht er zunächst nur von den Preisen an den Energiemärkten. Der Verbraucherpreis ist noch einmal etwas anderes. Da hänge es davon ab, was einzelne Länder und Unternehmen entscheiden. Dafür sei er im Detail letztlich kein Experte, sagt der Professor, der aber grundsätzlich noch einmal betont, dass die kommenden Wochen und Monate für den Geldbeutel der Verbraucher bezogen auf die Energiepreise sicher wieder ungemütlich werden.
"Leider bedeutet das alles die Rückkehr der Unsicherheit", sagt er. Alles werde tatsächlich davon abhängen, wie lange der Konflikt dauert und wie breitflächig er sich ausdehnt werde.
Die Verbraucherschützer von Test-Achats warnen davor, angesichts der steigenden Öl- und Gaspreise in Panik zu verfallen. Da der Winter vorbei sei sowie der Verbrauch im Frühling und Sommer geringer sei, würden sich steigende Preise weniger deutlich auf die Gesamtrechnung auswirken, so Test-Achats.
Je nach Entwicklung der Lage im Nahen Osten könne man noch bis Ende des Monats warten und dann entscheiden, ob ein Festvertrag von Vorteil sein könnte. Laut Fachleuten wird bei den Energiepreisen viel davon abhängen, wie lange der Konflikt andauert und ob er sich ausweiten wird.
Rund 95 Prozent des in Europa benötigten Gases und rund 90 Prozent des Erdöls werden importiert - darunter auch aus Ländern des Nahen Ostens.
belga/kwa/moko