Stechmücken sind für Menschen vor allem Plagegeister, die potenziell auch sehr gefährlich sein können. Das gilt unter anderem für die auffällig schwarz-weiß-gemusterte Tigermücke. Ursprünglich stammt sie aus Asien, hat sich aber längst über den Erdball ausgebreitet – auch zu uns, wie Infektiologe Steven Van den Broucke vom Institut für Tropenmedizin gegenüber der VRT bestätigt: "Sie kann dank der Klimaerwärmung mittlerweile sogar schon in Belgien überwintern. In acht Gemeinden des Landes ist bereits nachgewiesen worden, dass Tigermücken-Populationen dort überwintern. Und es dürften noch mehr sein."
Das große Problem an der Tigermücke ist – jenseits des Stechens an sich – dass sie verschiedene Viren und damit tropische Krankheiten auf den Menschen übertragen kann. Zum Beispiel Dengue und Zika, aber auch das Chikungunya-Fieber. Eine neue wissenschaftliche Studie hat ergeben, dass die Mindesttemperatur für eine erfolgreiche Übertragung des Chinkungunya-Virus deutlicher niedriger ist als bisher angenommen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Zeit länger wird, in der man sich in Belgien theoretisch über Tigermücken mit diesem Virus anstecken kann.
In anderen Ländern wie Frankreich und Italien hat es in der Vergangenheit schon entsprechende Ausbrüche gegeben, mit der neuen Studie rückt aber auch Belgien in den Fokus. Wie die Zeitung De Standaard schreibt, bleiben im Prinzip nur die Ardennen mehr oder weniger verschont. In allen anderen Gebieten des Landes gelte für Juli und August ein erhöhtes Risiko, in den Kempen sogar schon ab Juni.
Die gute Nachricht: "Nur sehr wenige Menschen sterben an Chikungunya-Fieber. Aber die Krankheit kann sehr belastende Langzeitfolgen haben, die sich insbesondere in Gelenkschmerzen äußern. Und zwar Gelenkschmerzen, die so intensiv sein können, dass sie das gewohnte Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Nach einer kurzen grippeartigen Erkrankung sind die meisten Patienten einige Wochen davon betroffen, bei fast einem Drittel kann sich das aber monatelang hinziehen" sagt Steven Van den Broucke.
Wer wirklich Pech hat, kann sogar Jahre an richtig starken Schmerzen in Knien, Knöcheln, Rücken und Händen leiden. Das macht ein normales Leben und Arbeiten zu einer Herausforderung. "Diese Symptome können zwar bekämpft werden, zum Beispiel durch die Einnahme von Schmerzmitteln. Aber aus offensichtlichen Gründen ist das langfristig wegen möglicher Nebenwirkungen auch nicht risikolos."
Dennoch sieht der Experte zumindest im Augenblick keinen Grund zur Panik. Das Chikungunya-Virus ist nämlich bisher in Belgien noch nie in Tigermücken nachgewiesen worden. Das bedeutet allerdings nicht, dass man die Hände in den Schoß legen sollte: "Im Moment redet man zwar über eine überschaubare Gefahr, aber das kann in Zukunft ganz anders aussehen."
Das A und O sei deshalb, sowohl den Mücken als auch dem Virus immer eine Nasenlänge voraus zu bleiben und die Lage so gut wie möglich unter Kontrolle zu behalten. Konkret bedeutet das: Potenzielle Sichtungen der Tigermücke immer melden. Einerseits, damit deren Ausbreitung im Auge behalten werden kann, und andererseits, um gegebenenfalls lokal gegen Mückenpopulationen und ihre Biotope vorgehen zu können.
Eine andere Gefahr sollte ebenfalls nicht ausgeblendet werden. Stechmücken können sich das Virus auch von schon infizierten Menschen holen. Und dann weiterverbreiten. "In dem Sinne macht es möglicherweise auch Sinn, zu prüfen, ob es im Umfeld von Reisenden, die erkrankt aus dem Ausland zurückkehrten, Tigermücken-Populationen gibt. Um zu verhindern, dass diese eingeschleppten Viren in den in Belgien vorkommenden Mücken landen."
Boris Schmidt