Anne Dufresne ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Freien Universität Brüssel und beschäftigt sich hauptberuflich mit Streiks und ihrer sozialen Bedeutung. "Wir sind in Belgien an einem ganz besonderen, historischen Moment des Sozialkonflikts angekommen. Die soziale Wut drückt sich ganz klar aus", sagt Dufresne und meint damit die extrem hohe Beteiligung an den Streiks der letzten Zeit. "Seit den 60er Jahren hat man so etwas nicht mehr gesehen".
Das allein zeigt: Streiks sind wichtige politische Ausdrucksweisen in einer Gesellschaft. Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, zu streiken. Solange ein Streik friedlich verläuft, dürfen Streikende nicht für ihre Aktionen bestraft oder benachteiligt werden.
In Belgien haben Streiks eine lange Geschichte. Seit den ersten Großkundgebungen 1893, die damals die Einführung des Wahlrechts erwirkten, haben Streiks uns wichtige soziale und politische Rechte gesichert. Bezahlte Urlaubstage, die 40-Stunden-Woche oder die gesetzliche Krankenversicherung - alles durch Streiks bewirkt.
Warum entsteht also manchmal der Eindruck, dass die Unterstützung für solche Aktionen sinkt? "Der Eindruck wird vielleicht von der Berichterstattung gefüttert", sagt die Soziologin. "Ich denke nicht, dass es einen großen Unterschied zwischen Bürgern, die vom Streik betroffen sind und den Streikenden gibt. Die letzten Umfragen zeigen, dass viele Bürger die aktuelle Regierung nicht mehr unterstützen."
"Man sollte auch sehen, dass ein Streik nicht aus den Nichts kommt, sondern am Ende einer langen Reihe von gescheiterten Verhandlungen steht", ergänzt Dufresne. "Je länger sich Gewerkschaften und Politik nicht einigen, desto ausgedehnter werden auch die Streikaktionen."
"Und das ist der Punkt", sagt sie. "Die aktuelle Regierung hat Taubheit für die Forderungen der Gewerkschaften zur Strategie gemacht. Das Geld ist da, man hat sich aus politischen Gründen nur eben entschieden, es woanders auszugeben. Trotzdem haben die aktuellen Streiks einiges erwirkt."
"Diese Argumente sprechen auch ganz klar dafür, dass Streiks weit weg von überholt sind. Streiks sind das stärkste, friedliche Ausdrucksmittel von sozialem Unmut. Wer darauf nicht hört oder den sozialen Dialog nicht respektiert, riskiert Gewalt."
Das beste Beispiel dafür ist die Entwicklung der Gelbwestenproteste in Frankreich. Diese haben auch friedlich begonnen und sind dann eskaliert.
Anne Kelleter