Seit Beginn der russischen Invasion arbeitet die Nato unter Hochdruck daran, ihre militärischen Kapazitäten wieder auf Vordermann zu bringen. Denn seit dem Ende des Kalten Krieges waren nicht nur die Truppenstärke und die Ausrüstung der nationalen Armeen gerade in Europa immer weiter zusammengestrichen worden.
Auch in puncto Kenntnisse muss sehr viel wieder aufgebaut oder an die Gegebenheiten der Schlachtfelder von heute angepasst werden. Helfen soll dabei ein sogenannter Aktionsplan – auch in medizinischer Sicht.
Was die Vorbereitung auf Szenarien mit vielen Opfern angeht, wie eben beispielsweise im Kriegsfall, liegt in Belgien einiges im Argen, wie das Verteidigungsministerium und das Gesundheitsministerium festgestellt haben.
Und die Gesundheitsexperten pflichten ihnen bei: Man müsse ehrlich zugeben, dass man im Augenblick nicht ideal vorbereitet sei auf solche Ereignisse, räumt etwa der Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Antwerpen, Filip Lardon, in der VRT ein. Das betreffe im Katastrophenfall etwa den Transport und die Unterbringung von vielen Opfern auf einmal, oder auch die sogenannte Triage, also dass Ärzte bei begrenzten Kapazitäten entscheiden müssen, wer behandelt wird und wer nicht.
So etwas werde angehenden Medizinern während ihres Studiums nicht beigebracht, unterstreicht auch Piet Hoebeke, Dekan der Fakultät Medizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Gent, genauso wenig wie beispielsweise die Behandlung von Schusswunden von Soldaten. Potenzielle Angriffe mit Atom- oder chemischen Waffen oder mit Drohnen, zählt Hoebeke weiter auf, auf so etwas würden Mediziner in Belgien einfach nicht vorbereitet. Dabei gebe es in diesem Zusammenhang so viel zu lernen von der Ukraine.
Im Rahmen des Nato-Aktionsplans haben Verteidigungs- und Gesundheitsministerium die Universitäten des Landes deshalb nun aufgefordert, ihre Lehrpläne zu durchleuchten und hinsichtlich von Katastrophen- und Kriegssituationen zu verbessern.
Vorbereitungen laufen
Natürlich lerne jeder Arzt im Studium, wie man Brandwunden, Brüche und viele andere Verletzungen behandele, betont Hoebeke. Aber eben nicht explizit im Kontext von Ereignissen mit vielen Opfern auf einmal. Es gehe also weniger darum, komplett neue Elemente in das Studium aufzunehmen, sondern vielmehr darum, bestehende besser zu organisieren, zu bündeln und wo notwendig zu ergänzen.
Natürlich hoffe man inständig, dass so ein Fall nie eintreten werde – aber wenn doch, dann sei es besser, vorbereitet zu sein. Vorbereitung bedeute auch, dass möglichst viele Menschen entsprechend geschult seien. Aktuell seien das nämlich nur sehr wenige: Angehörige der medizinischen Komponente der Streitkräfte oder Ärzte, die als Reservisten dienten.
Es gehe nicht darum, Panik zu schüren. Aber wer eine widerstandsfähige Bevölkerung wolle, brauche auch eine möglichst breite entsprechend ausgebildete Basis. Da dürfe auch nicht lang gewartet werden, mahnt Lardon. Es werde sechs Jahre dauern, bis man die ersten Ergebnisse eines Lehrplans sehen werde, der auch Militärmedizin berücksichtige, so lange dauere das Studium ja. Die Zeit dränge also.
Das Ziel sei, schon im kommenden Jahr strukturiert diese Herausforderung angehen zu können, versichert Hoebeke. Viel Zeit bleibe also nicht mehr, die Umstellung eines Lehrplans brauche immer seine Zeit. Aber man habe bereits mit den entsprechenden Vorbereitungen begonnen.
Boris Schmidt