Die Bank und spätere Holding ist eng mit der Industrialisierung und wirtschaftlichen Entwicklung Belgiens verbunden. Ohne Société générale würde es Belgien in seiner heutigen Prägung so nicht geben.
Der Wirtschaftshistoriker Kenneth Bertrams bestätigt das, was der Eindruck von vielen ist: "Ich glaube, dass die Société générale von ihrer Form her ein einzigartiges Unternehmen gewesen ist". Und das fängt laut Bertrams schon bei der Gründung der Bank an. Man schreibt das Jahr 1822. Belgien als unabhängiger Staat existiert noch nicht, gehört zu den Niederlanden, die durch Beschluss des Wiener Kongresses sieben Jahre zuvor als neue Gebietseinheit entstanden sind.
Die Industrialisierung in Europa ist auf dem Vormarsch. Der König der Niederlande, Wilhelm I., will dabei mitmischen. Der nördliche Teil seines Reichs hat sich seit langem dem Handel verschrieben. Den Süden, das heutige Belgien, will Wilhelm zum Industriestandort machen. Dafür braucht er Kapital und Investitionen – kurz: eine Bank. Die Société générale wird gegründet als "Société générale des Pays-Bas pour favoriser l’industrie nationale" wie sie damals hieß. Der Auftrag der Bank wird also schon im Namen verankert: Die nationale Industrie soll gefördert werden.
Das bleibt zunächst auch so, nachdem Belgien sich 1830 von den Niederlanden loslöst und zum eigenen Staat wird. Doch mit der Zeit ändert sich das. Die staatlichen Vorgaben an die Bank nehmen immer weiter ab. Die Société générale beginnt, von sich aus in Industriebetriebe zu investieren, Aktienanteile zu kaufen und damit in den Teilbesitz dieser Unternehmen zu gelangen.
Trotzdem bleiben die Geschicke Belgiens und der Société générale eng verknüpft. Den Bau der Eisenbahn in Belgien hätte es ohne Société générale nicht in dieser Form gegeben. Die Bank ist weitgehend für den Aufbau der Kohle-, der Eisen- und Stahlindustrie verantwortlich, grundsätzlich für die Stellung Belgiens als eine der führenden Industrienationen Europas.
Massiv investiert die Bank auch in den Kongo und trägt dazu bei, dass Belgien vom Reichtum seiner afrikanischen Kolonie stark profitiert. Eine Staatsbank ist die Société générale aber nicht. "Das ist eine private Bank", betont Historiker Bertrams. "Aber sie hat eine gemeinsame, parallele Geschichte mit Belgien. Diese historische und fast auch kulturelle Nähe hat dazu geführt, dass man häufig die Société générale als ein staatliches Unternehmen sieht. Das ist sie aber nicht. Sie ist komplett privat."
Dass die Société générale bis zum Schluss ein privates Unternehmen geblieben ist, sei wichtig, um das Ende der Société générale einzuordnen. Die mittlerweile als Holding geführte Société générale mit ihren zahlreichen Unternehmen in verschiedenen Ländern sah sich Ende der 1980 Jahre feindlichen Übernahmen ausgesetzt. Das Rennen machte letztlich der französische Konzern Suez, der sich nach und nach von den meisten Unternehmen der Société générale trennte, und 2003 letztlich das Ende der Holding bekanntgab.
Die Erinnerung an dieses Ende der einst so ruhmreichen Société générale ruft laut Historiker Bertrams in Belgien noch heute Unwohlsein hervor. Ein Unwohlgefühl gegenüber dem Verhalten der damaligen finanzwirtschaftlichen Eliten in Belgien. Der Vorwurf schwingt mit, sich nicht mit Nachdruck für den Fortbestand der Société générale als quasi belgisches Unternehmen eingesetzt zu haben.
Dieses Unwohlgefühl sei auch heute immer noch präsent, sagt Bertrams. Verstärkt habe sich dieses Gefühl durch eine weitere Welle, bei der wenig später eine Reihe belgischer Unternehmen von ausländischen Eigentümern übernommen worden sind, allen voran französischen.
Dieses Unbehagen sei letztlich wohl auch dafür verantwortlich, dass der 200. Geburtstag der Société générale dieses Jahr keine Rolle gespielt hat in der Öffentlichkeit. "Als Historiker hätte ich mir gewünscht, wenn man den Geburtstag der Société générale gefeiert und in diesem Zug auch die Archive weiter geöffnet hätte", sagt dazu Bertams. "Denn es gibt noch viel zu dieser Geschichte zu sagen. Aber das Gefühl, das zurzeit vorherrscht, ist ein Gefühl, dass man lieber über eine ganze Reihe von Dingen schweigt, und besonders über das Ende der Société générale."
Kay Wagner