„Zocken ist das neue Rauchen“: Justizminister will Glücksspielindustrie das Leben schwerer machen

Werbung ist allgegenwärtig. Geworben wird für fast alles, was man sich vorstellen kann. Aber es gibt Ausnahmen. Zigaretten beziehungsweise Tabak dürfen zum Beispiel nicht mehr öffentlich beworben werden. Und wenn es nach Justizminister Vincent Van Quickenborne und der Föderalregierung geht, dann wird es dem Glücksspiel auch bald so ergehen.

Glücksspiel (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / georgejmclittle)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / georgejmclittle

Ganz soll die Reklame für Glücksspiele nicht verschwinden. Aber sie soll doch sehr, sehr, sehr viel weniger sichtbar und leicht zugänglich werden. Die neue Philosophie müsse sein, dass nur noch die Menschen, die gezielt auf der Suche nach Wett-Möglichkeiten seien, Werbung zu Gesicht bekämen, so Justizminister Vincent Van Quickenborne (Open VLD) am Montagmorgen bei Radio Eén. Also etwa auf den Webseiten der Glücksspielbetreiber selbst. Auch werde es weiterhin erlaubt sein, dass diese Firmen etwa Accounts in den Sozialen Medien betrieben. Aber Werbung solle es wirklich nur noch in sehr begrenzter Form geben.

Die Werbung für Glücksspiele sei wirklich explodiert, so der Justizminister. Noch nie hätten so viele Menschen gezockt wie während der Corona-Pandemie. Insbesondere der Anteil junger Menschen sei dramatisch in die Höhe geschnellt.

Hinter diesen Zahlen verberge sich sehr viel menschliches Leid, weil Menschen der Spielsucht anheimfielen. Die Glücksspielfirmen machten 40 Prozent ihres Umsatzes mit eben solchen Süchtigen. Deswegen forderten nicht nur die Hilfs- und Beratungsstellen schon lange ein Eingreifen des Staates, sondern selbst der Hohe Gesundheitsrat.

Werbung als Brandbeschleuniger

Man habe seit langem versucht, gegen die Spielsucht vorzugehen und auch vor allem mit dem Sektor zu verhandeln, damit der sich entsprechend engagiere, aber das habe kaum Wirkung gezeigt. Man sei noch nie so überspült worden von Wett-Reklame wie aktuell. Deswegen habe man auch jetzt handeln müssen. Zocken sei das neue Rauchen geworden. Die Werbung sei wie ein Brandbeschleuniger, der die Menschen zum Glücksspiel verleite.

Zum einen sorge die allgegenwärtige Reklame dafür, dass die Menschen Glücksspiel als etwas Alltägliches und Normales wahrnähmen, die gesellschaftliche Akzeptanz des Phänomens werde also erhöht. Sie sorge dafür, dass neue Spieler angezogen würden, die dann zu den hohen Umsätzen der Industrie beitrügen. Und vor allem erhöhe es auch die Rückfallgefahr für ehemalige Spielsüchtige enorm.

Glücksspiel an sich könne man nicht verbieten, aber bei der Werbung könne man ansetzen – überall dort, wo Menschen zockten, also sowohl online als auch offline. Es werde allerdings Übergangsperioden geben, damit die Betriebe und deren betroffene Werbepartner Zeit hätten, sich umzustellen.

MR gegen Werbeverbot

Der entsprechende Königliche Erlass sei von den sechs befugten Ministern der Föderalregierung abgesegnet, betonte der flämisch-liberale Justizminister, darunter die für Volksgesundheit, Inneres und Finanzen.

Einmütigkeit über die geplante Maßnahme herrscht deswegen innerhalb der Vivaldi aber nicht: Die frankophonen Liberalen MR sind gegen das Werbeverbot für Glücksspiele. Das sei eine übertriebene Maßregel, wetterte MR-Chef Georges-Louis Bouchez auf Twitter. Das werde beispielsweise den ganzen Sportsektor in große Schwierigkeiten bringen. Ob man denn den Fußball im Land unbedingt kaputtmachen wolle, so Bouchez angesichts der Werbeeinnahmen und des Sponsorings. Nur eine kleine Minderheit der Spieler seien süchtig, und um die solle sich doch besser gekümmert werden.

Dadurch, dass man einen geregelten Sektor liquidiere, treibe man die Spieler in das Dark Web, auf Plattformen, auf denen gar keine Regeln gelten würden. So eine puritanische Vision mache doch keinen Sinn, polterte der MR-Vorsitzende. Allerdings stellt die MR keinen einzigen der hier zuständigen Minister – verhindern konnte sie den Königlichen Erlass also nicht.

Der Glücksspielsektor selbst wird aber natürlich auch versuchen, das Vorhaben noch kippen zu lassen – schließlich muss der Entwurf noch sowohl von Europa als auch vom Staatsrat abgesegnet werden. Aber wie das ausgehen wird, daran hat der Justizminister offenbar keine Zweifel: Man kenne das ja inzwischen, dass jeder Königliche Erlass permanent vom Sektor angefochten werde, weil er Verluste befürchte, aber man werde sich durchsetzen, so Van Quickenborne.

Boris Schmidt