Immer weniger Bankfilialen in Belgien

Es gibt so gut wie nichts mehr, das man nicht per Internet steuern, kaufen, mieten oder buchen kann, ohne von der Couch aufstehen zu müssen. Was für viele vor allem mehr Bequemlichkeit und Zeitersparnis bedeutet, hat für andere Menschen aber auch negative Folgen. Das trifft zum Beispiel auch auf den Bereich Bankgeschäfte zu.

Bankschalter (Illustrationsbild: Jonas Hamers/Belga)

Illustrationsbild: Jonas Hamers/Belga

Früher musste man für so ziemlich alles, was im weitesten Sinne mit Geld zu tun hat, in seine Bankfiliale. Ein Konto eröffnen oder schließen, Überweisungen machen, Daueraufträge erstellen, den Kontostand abfragen, Kontoauszüge ausdrucken lassen, Geld abheben oder einzahlen – all das und noch viel mehr waren Dinge, die man nur persönlich und vor Ort erledigen konnte. Davon sind wir dank des technischen Fortschritts heutzutage meilenweit entfernt.

60 Prozent der Menschen gehen gar nicht mehr oder seltener als ein Mal pro Jahr in eine Bankfiliale. Das sagt die Bankenvereinigung Febelfin. Und dass immer mehr Menschen immer mehr ihrer Bankgeschäfte online abwickeln, das hat natürlich auch zu Änderungen bei der Bankeninfrastruktur geführt. Denn aus offensichtlichen Gründen haben die Geldhäuser auch kein Interesse daran, Angestellte an Schalter zu setzen, die nicht genutzt werden.

Das verursacht aus ihrer Sicht vermeidbare und sinnlose Kosten, die sich wiederum negativ auf die Gewinne der Banken auswirken. Ihre Lösung: Das Bankfilialnetz in Belgien wird immer weiter ausgedünnt.

Wie radikal hier zusammengestutzt wird, das geht jetzt aus einer Antwort des föderalen Wirtschaftsministers Pierre-Yves Dermagne (PS) an die Vooruit-Fraktionsvorsitzende in der Kammer, Melissa Depraetere, hervor. Demnach sind in Belgien seit 2015 mehr als ein Drittel aller Bankfilialen, genauer gesagt 35 Prozent, geschlossen worden. Und zwar in allen Landesteilen, wobei es manche Provinzen aber trotzdem besonders hart getroffen hat.

In Westflandern etwa sind von zehn Filialen ganze vier weggefallen in diesem Zeitraum. Das bedeutet natürlich auch, dass es immer mehr Gemeinden gibt, in denen es gar nicht mehr möglich ist, seine Bankgeschäfte vor Ort zu tätigen oder auch nur Bargeld abzuheben.

Das kann ein Problem sein für verschiedene Bevölkerungsgruppen, darunter vor allem auch ältere Menschen, wie Melissa Depraetere in der VRT erklärte. Denn wenn Filialen in der Nachbarschaft geschlossen werden, dann muss man sich weiter bewegen, um eine noch offene zu finden – das kann schnell ein Problem werden für Menschen, die nicht mehr so mobil sind, die nicht auf ein Auto zurückgreifen können oder niemanden haben, der sie fährt.

Und längst nicht alle Senioren sind digital betrachtet überhaupt fit genug oder willens, sich umzustellen: Gerade einmal 27 Prozent der Über-70-Jährigen nutzen das Internet für Bankgeschäfte. Sie sind aber nicht die einzigen, die mit der fortschreitenden Digitalisierung der Welt und den damit einhergehenden Veränderungen alter Gewohnheiten Probleme haben.

22 Prozent aller Familien nutzen kein Online-Banking, zitiert Depraetere eine Untersuchung des flämischen Familienverbandes Gezinsbond. 27 Prozent der Familien geben außerdem an, am liebsten in bar zu bezahlen, sprich nicht per Karte, Online-Überweisung oder anderen digitalen Verfahren.

In Belgien gebe es noch immer sehr viele Bankfilialen, hält dem Isabelle Marchand entgegen, die Sprecherin von Febelfin. Das Land habe sogar eines der dichtesten Filialnetze im europäischen Vergleich.

Für die Vooruit-Fraktionsvorsitzende bleibt das Vorhandensein echter, physischer Bankfilialen dennoch auch in Zukunft wichtig. Ihre Partei fordert mindestens eine Filiale oder einen Geldautomaten im Umkreis von fünf Kilometern. Belgien könne sich in dieser Hinsicht eine Scheibe von den Niederlanden abschneiden, wo ein entsprechendes Geldautomatennetz aus einem gemeinsamen Fonds der Banken finanziert wird.

Neben dem digitalen Graben, der manche Menschen effektiv vom Online-Banking ausschließt, gibt es für Depraetere aber auch noch ein anderes Problem: Immer mehr Banken verlangen zusätzliche Gebühren für die Vor-Ort-Nutzung ihrer Dienste, zum Beispiel für das Abheben von Geld an einem Schalter, für das Ausdrucken der Auszüge oder auch für eine Überweisung im Papierformat. Mehrkosten, die natürlich sozial beziehungsweise wirtschaftliche schwächere Menschen besonders schwer belasten.

Um das zu verhindern, haben sich die Föderalregierung und die Banken vor dem Sommer auf einen sogenannten „Universalbankdienst“ verständigt – dass Menschen, die kein Online-Banking nutzen, trotzdem ihre Bankgeschäfte in Filialen zu einem angemessenen Tarif tätigen können.

Boris Schmidt