Scheidungen bei Senioren nehmen zu

Liebe ist nicht immer und für alle ewig. Scheidungen gehören mittlerweile längst zum Alltag unserer Gesellschaft dazu. Und auch bei Senioren sind Scheidungen mittlerweile keine Seltenheit mehr. Ganz im Gegenteil: Laut jüngsten Statistiken nehmen sie sogar zu.

Senioren spazieren über einen Strand (© Bildagentur PantherMedia / Nils Weymann)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / Nils Weymann

„Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihres Lebens“: So hören Märchen auf, nachdem die Helden sich nach überstandenen Abenteuern zum Schluss doch noch gefunden und ein rauschendes Hochzeitsfest gefeiert haben. Doch dass am Ende des Lebens tatsächlich die Liebe noch so groß und stark ist wie am Anfang, so dass man auch den Lebensabend gemeinsam verbringen will, bleibt für einige eben nur ein Märchen.

Immer mehr Senioren in Belgien lassen sich nämlich scheiden. Das zeigen nicht nur Statistiken. Auch gefühlt nehmen Senioren-Scheidungen zu, wie Valérie Moreau bestätigt. Sie ist Präsidentin des Familiengerichts in Mons, das es dort seit 2014 gibt. Zum Anfang ihrer Zeit war ihr das Phänomen der Scheidungen im hohen Altern nicht aufgefallen. Aber in den vergangenen zwei, drei Jahren, hätten diese Scheidungen tatsächlich zugenommen, wie sie der RTBF sagte.

Eine Seniorin, die sich in hohem Alter von ihrem Mann nach 62 Jahren Ehe scheiden ließ, ist Louise Marsily. Über 80 Jahre ist sie alt. „Es war schwer, diesen Schritt zu machen. Vor allem, weil ich weiß, dass ich das 40 Jahre früher hätte machen sollen. Aber gut. Ab dem Tag, an dem man den Schritt gemacht hat, ist das eine Erleichterung. Ich habe mir gesagt: Uff, endlich! Jetzt werde ich glücklich leben.“

Louise Marsily gehört dabei zu den Senioren, die sich noch relativ glimpflich von ihrem Partner getrennt haben. „Ich werfe ihm nichts vor. Aber ich habe ihn nicht mehr ertragen. Wir haben geheiratet, weil wir uns geliebt haben. Wir haben Kinder gehabt, sind ein großes Stück unseres Lebensweges gemeinsam gegangen. Aber eines Tages hat es dann aufgehört. Als wir beide alleine zu Hause waren.“

Der Grund, warum Louise Marsily sich von ihrem Mann hat scheiden lassen, ist ein typischer Grund für Trennungen nach der Rente. Wenn das Berufsleben vorbei ist und sich beide Partner in ihrem Alltag allein zu Hause aufhalten, können sie plötzlich nichts mehr miteinander anfangen.

Nicht immer läuft eine Trennung dann glimpflich ab. Richterin Moreau erzählt aus ihren Erfahrungen: „Ich erinnere mich gut an ein ziemlich altes Ehepaar, 85 und 84 Jahre alt. Ich erinnere mich deshalb so gut an sie, weil es bei ihnen eine ganz große Verbitterung gab – und auch körperliche Gewalt.“

Dass Scheidungen von Senioren einfacher sind, als Scheidungen in jüngeren Jahren, wo oft die Situation mit kleinen Kindern die Dinge zusätzlich erschwert, sei ein Irrtum. Denn im hohen Alter spiele der emotionale Faktor eine viel größere Rolle, sagt Annette Bridoux. Sie ist Vorsitzende des Verbandes für Familienmediation. Ältere Menschen hätten viele Sachen gemeinsam erlebt, erzählt Bridoux. Und das mache es ihnen oft schwerer, mit einer Scheidung ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen.

Auch Familienangehörige würden sich bei Scheidungen von Senioren oft einmischen, um eine Scheidung zu verhindern. Mediatorin Bridoux erzählt von einem Fall: „Da haben mich sogar die Enkelkinder angerufen und gesagt: ‚Sie dürfen das auf keinen Fall akzeptieren! In ihrem Alter. Das wird sie zerstören.‘ Aber trotzdem haben die beiden Senioren die Scheidung dann gewollt.“

2018 hat es in Belgien 454 Scheidungen von Senioren zwischen 65 und 69 Jahren gegeben. In der Alterskategorie der 70- bis 74-Jährigen waren es 205. In beiden Fällen Tendenz steigend, allerdings noch weit entfernt von den 3.908 Scheidungen, die es im gleichen Zeitraum in der Altersgruppe der 40- bis 44-Jährigen gab.

Kay Wagner

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