Belgiens Atomausstieg: Das Monster von Loch Ness

In Belgien gibt es immer wieder Fürsprecher, die fordern, doch noch zwei oder drei Atomkraftwerke länger offen zu halten - trotz aller Gesetze, Koalitionsvereinbarungen, Studien und Verträge der letzten Jahre, die in Richtung eines Atomausstiegs gehen. Der belgischen Politik gelingt es offenbar nicht, einen Kurs einzuschlagen, der die Unsicherheit beseitigt. Fest steht: Es ist ganz offenbar eine schwierige Entscheidung.

Atomkraftwerk in Doel

Atomkraftwerk in Doel (Bild: Eric Lalmand/Belga)

Die Vorteile einer Lebensdauerverlängerung der Atomkraftwerke lassen sich kurz zusammenfassen: Die Kernkraftwerke sind einfach da und stoßen kein CO2 aus. Sogar Gaskraftwerke der jüngsten Generation stoßen deutlich mehr aus. Zudem brauchen sie auch staatliche Subventionen, sonst werden sie einfach nicht gebaut.

Unterm Strich können wir mehr Energie gebrauchen. Durch die Energiewende, die ja auch zu mehr Elektroautos führen soll, könnten wir zusätzliche elektrische Kapazitäten nutzen. Durch das Offenhalten von zwei oder drei Reaktoren würde man etwas Zeit gewinnen.

Dafür kommen vor allem die  Atomkraftwerke Doel 4 und Tihange 3 in Frage. Das sind die jüngeren Atomkraftwerke des Landes. Zusammen machen sie eine Leistung von 2.000 Megawatt aus. Das ist mehr als ein Drittel der derzeitigen Kernkraftleistung.

Die anderen Kernkraftwerke – die mit den sogenannten Haarrissen – Doel 3 und Tihange 2 – werden ohnehin geschlossen. Das Gleiche gilt für Doel 1 und 2. Nur der Meiler Tihange 1, dessen Laufzeit bereits um zehn Jahre verlängert wurde, könnte theoretisch auch eine zusätzliche Laufzeitverlängerung bekommen.

Und warum wird das nicht gemacht?

Neben den traditionellen Umwelt- und Sicherheitsbedenken gegen die Kernenergie stellt sich auch die Frage, ob wir mit einer Verlängerung der Lebensdauer Zeit gewinnen oder verlieren. Mehrere Experten haben bereits darauf hingewiesen, dass die Kernkraftwerke früher oder später sowieso geschlossen werden. Danach müssen neue Gasanlagen gebaut werden. Je länger man wartet, desto teurer droht es zu werden. Und auch das Ausfalllrisiko der Atomkraftwerke steigt mit jedem Jahr.

Und dann gibt es noch die dominante Rolle von Electrabel. Bei einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke fordert Electrabel nicht nur Zuschüsse vom Staat, sondern auch einen garantierten Mindestpreis.

Vorteile der Gaskraftwerke

In allen Berechnungen werden Gasanlagen als Zwischenlösung zur Energiegewinnung gesehen. Eine Zwischenlösung, die die Lücken schließt, bis erneuerbare Energien auf eigenen Beinen stehen können. Der große Vorteil von Gaskraftwerken, über den die heutigen Kernkraftwerke in diesem Umfang nicht verfügen, ist ihre Flexibilität.

Bei Gaskraftwerken riskieren wir aber, uns für mindestens zwanzig Jahre mit CO2-emittierender Technologie auszustatten. Es sei denn, diese Gasanlagen können später einfach umgerüstet werden, so dass sie mit wirklich grünem Gas arbeiten.

N-VA und Vlaams  Belang für Laufzeitverlängerung, alle anderen dagegen

Die Standpunkte der politischen Parteien stehen eigentlich schon lange fest. Alle Parteien, mit Ausnahme der N-VA und des Vlaams Belang, befürworten den Atomausstieg. Der N-VA-Abgeordnete Bert Wollants hat der Kammer eine Resolution vorgelegt, zwei Reaktoren länger offen zu halten.

Minister Alexander De Croo von der OpenVLD nannte kürzlich den Vorschlag einer Gruppe von Ingenieuren, zwei Kraftwerke länger offen zu halten, „eine interessante Alternative“, aber das bedeutet nicht, dass sich die Haltung der OpenVLD geändert hat. Die Partei bleibt weiter für den Atomausstieg.

Abschließend kann man sagen, dass die Gefahr darin besteht, dass die andauernde Diskussion über den Atomausstieg den Blick auf die bevorstehenden gewaltigen Herausforderungen vernebeln.

standaard/mz/est

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