Verkehrspsychologe: „Alkohol am Steuer liegt in der belgischen Mentalität“

Seit Tagen wird in Flandern intensiv über das Phänomen Alkohol am Steuer diskutiert. Auslöser ist die Affäre um den flämischen Parlamentspräsidenten Kris Van Dijk, der nach einem feuchtfröhlichen Kneipenabend mit 1,4 Promille ins Auto gestiegen und dabei einen Unfall verursacht hatte. Seitdem steht nicht nur Kris van Dijk am Pranger, sondern auch die Mentalität der Belgier.

Alkoholkontrolle (Illustrationsbild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Illustrationsbild: Nicolas Maeterlinck/Belga

Der Tenor in der belgischen Presse war am Dienstag eindeutig. Das Fehlverhalten eines Politikers ist das eine, der Umgang damit das andere. Dass Kris van Dijk noch nicht zurücktreten musste, zeige, dass der Belgier seinen Fehler stillschweigend toleriert oder zumindest minimiert. Wahrscheinlich, weil viele es selbst nicht so genau nehmen mit dem Alkohol und dem Fahren.

Ludo Kluppels ist Psychologe beim Institut für Verkehrssicherheit Vias. Er bedauert das, denn die Zahlen sind eindeutig. „Jeden Tag kommt es auf Belgiens Straßen zu elf Unfällen mit Verletzten, bei denen der Fahrer unter Alkoholeinfluss stand. Macht immerhin 4.000 im Jahr.“ Kluppels ist überzeugt, dass von den 4.000 Fahrern jeder dachte, dass er noch fahren konnte.

„Wird schon schief gehen“, das musste sich wohl auch Kris Van Dijk gedacht haben, bis er dann in einen geparkten Anhänger krachte. Mal abgesehen davon, dass er die Strecke von weniger als einen Kilometer genauso gut zu Fuß hätte gehen können, bei ihm war es nicht das viel zitierte eine Gläschen zu viel. Mit 1,4 Promille waren es der wohl ein paar zu viel. Kluppels sagt: „Bei 1,4 Promille halbiert sich die Reaktionsgeschwindigkeit und der Bremsweg verdoppelt sich.“

Für Ludo Kluppels haben gerade bekannte Persönlichkeiten und Politiker eine Vorbildfunktion. Doch Kris van Dijk ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs, sagt er: „Auf einen Politiker, der zu viel getrunken hat, kommen hundert andere Menschen, die das auch getan haben“, so der Psychologe.

Derzeit liegt die Grenze in Belgien bei 0,5 Promille. Manche fordern schon seit langem eine Null-Promille-Grenze bei gleichzeitiger Nulltoleranz. Auffallend sei, dass der Belgier kein Problem hat, den Sicherheitsgurt anzulegen und ein sicheres Auto zu kaufen, aber es beim Thema Alkohol am Steuer nicht so genau nimmt.

Dabei gefährde das die Sicherheit genauso – die eigene und die der anderen. Verkehrspsychologe Kuppels glaubt allerdings nicht, dass eine Nulltoleranz viel bringen wird. Eine Null-Promille-Grenze an sich würde den Belgier nicht davon abhalten, sondern nur Kontrollen und ein Risikobewusstsein. „In Deutschland und den Niederlanden liegt die Grenze auch bei 0,5 Promille, und trotzdem sind diese Länder erfolgreicher im Kampf gegen Alkohol am Steuer.“

Es muss also an der Mentalität der Belgier liegen. Für Verkehrspsychologe Ludo Kluppels ist es eine Art des zivilen Ungehorsams: „Regeln umgehen und Autoritäten missachten – das ist in Belgien stärker verbreitet als in den Niederlanden oder Deutschland.“

Außerdem seien in Belgien die Strafen zwar gleich hoch, der Unterschied liege aber in der Durchsetzung. Ein Fahrverbot werde in Belgien zwar oft ausgesprochen, aber häufig nur auf Bewährung.

Volker Krings