Vermeintlicher Michelangelo gestohlen

In der kleinen Kirche von Zele in Ostflandern hat womöglich seit einer halben Ewigkeit ein wirklicher Schatz geschlummert. Der örtliche Priester ist davon überzeugt, dass ein Gemälde, das zuvor in einer dunklen Ecke der Kirche hing, in Wahrheit ein Original des italienischen Meisters Michelangelo war. In den nächsten Tagen sollte eine Expertin das Bild eigentlich in Augenschein nehmen. Da gibt es nur ein Problem: Der vermeintliche Michelangelo ist "weg".

Die Sint-Ludgeruskerk in Zele

Die Sint-Ludgeruskerk in Zele

Tatort: das kleine Städtchen Zele, nordwestlich von Brüssel. Genauer gesagt: die örtliche Kirche Sankt Ludgerus. Dort stand seit einiger Zeit auf einem Stativ ziemlich zentral ein Gemälde. Titel: „Die Heilige Familie“.

Das Bild war der Kirche erst vor 30 Jahren im Rahmen einer Schenkung überlassen worden. Seither hatte es aber ziemlich unbeachtet in einer dunklen Ecke gehangen. Bis er es sich mal genauer angeschaut habe, sagt der Priester Jan Van Raemdonck. Dabei sei ihm aufgefallen: Erstens: Es ist eine wirklich gute Arbeit. Zweitens: Das Bild muss alt sein, es ist nämlich noch auf Holz gemalt. Deswegen habe er das Gemälde sozusagen hervorheben wollen.

Irgendwann fällt der Blick eines Kenners auf das Bild. Und dem verschlägt es fast die Sprache: „Das könnte ein Michelangelo sein“, sagt er dem Priester. Und da habe er angefangen, sich einmal genauer damit zu beschäftigen, sagte Jan Van Raemdonck in der RTBF. Und tatsächlich: Da gebe es doch verblüffende Ähnlichkeiten mit einem Bild Michelangelos, das in den Uffizien in Florenz ausgestellt wird. Das Thema ist das gleiche: die Heilige Familie. Dann kann man bei der Darstellung des Heiligen Joseph eindeutige Parallelen sehen. Die Jungfrau Maria ist sehr dynamisch gemalt. Und auf beiden Bildern ist auch der kleine Johannes der Täufer zu sehen.

Hing also all die Jahre eine Sensation in der Kirche in Zele? Ein Michelangelo? Oder zumindest das Werk eines Schülers? Die Vermutung war offensichtlich so plausibel, dass sogar die britische Zeitung „The Guardian“ die Geschichte aufgegriffen hatte.

Kirche aufgebrochen

Und jetzt sollte sogar eine italienische Expertin nach Ostflandern kommen, um sich das Bild anzuschauen und, wer weiß, das Gemälde vielleicht sogar Michelangelo oder seinem Umfeld zuzuschreiben. Ein Original Michelangelo wäre wohl eine dreistellige Millionensumme wert.

Das Problem ist nur: Man kann der Frau jetzt nur noch Fotos zeigen. Ende letzter Woche wurde die Kirche nämlich aufgebrochen. Die Diebe hatten es nur auf das Gemälde abgesehen. Gegenstände aus Gold ließen sie liegen. Die Kirche sei abgeschlossen gewesen, die Tür sei sogar mit einer Eisenstange gesichert gewesen. Das müssen Profis gewesen sein, glaubt Jan Van Raemdonck. Eigentlich wäre die Kirche auch durch eine Alarmanlage gesichert. Die sei allerdings schon seit Jahren kaputt. Fakt ist jedenfalls: Der vermeintliche Michelangelo ist weg.

Doch keine Sensation?

Doch wenn der oder die Täter jetzt glauben, sie hätten da das Ding des Jahrhunderts gedreht, so hat ein Experte in der RTBF die Kirche vielleicht wieder so ein bisschen ins Dorf zurückgebracht. Naja, das sei bestimmt kein Michelangelo gewesen, sagt Didier Martens, Professor für Kunstgeschichte an der ULB. Es sei wohl nicht mal das Werk eines Italieners. Der Stil sei typisch für eine flämische Kopie aus dieser Zeit, also dem 16. Jahrhundert. Der Maler habe sich einfach an einem italienischen Motiv inspiriert, wie deren damals viele kursierten.

Also doch keine Sensation? Und doch keine Goldgrube für die Diebe? Der Punkt ist: Man weiß es eben nicht. Für die Kirche ist es in jedem Fall ein schwerer Verlust. Ob nun von Michelangelo oder nicht – das Gemälde hatte seinen festen Platz in der Kirche von Zele.

Wirklich viele Spuren gibt es nicht, auch keine Bilder von Überwachungskameras, allenfalls vage Beschreibungen einer verdächtigen Person. Die Polizei tappt im Dunkeln.

Roger Pint

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