„Trau dich zu denken“: Soziales Experiment an der Uni Gent

Die Universität Gent hat in den letzten Wochen ein ungewöhnliches Experiment mit ihren eigenen Studenten gemacht: Einige Professoren machten während ihrer Vorlesungen zweifelhafte Äußerungen, manchmal sagten sie auch Dinge, die schlicht falsch waren. Mit dem Experiment sollte der kritische Verstand der Studenten geschärft werden.

Studenten an der Uni Gent

Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga

„Trau dich zu denken“, so der Titel des doch eher ungewöhnlichen Experiments an der Uni Gent. Ausführende Köpfe des Experiments waren drei Professoren: Professor Braeckman lehrt Philosophie und Antropologie, seine Kollegin Mirjam Knockaert unterrichtet Wirtschaftswissenschaften und der dritte im Bund ist der Rektor der Uni Gent höchstpersönlich: Rik Van de Walle, Professor für Ingenieurswesen und Architektur.

Vor gut gefüllten Hörsälen sagten die drei bewusst Dinge, die nicht wissenschaftlich belegt sind oder die von der Wissenschaft sogar als falsch belegt wurden. Zum Beispiel behauptete Professor Braeckman, dass Armut eine Krankheit sei, die vererbt werden könne. Oder auch, dass nicht alles aus Darwins Evolutionstheorie korrekt sei. Professor Knockaert provozierte die Studenten sogar, indem sie sagte, sie seien noch zu ungebildet und sowieso unkreativ, um erfolgreich ein Unternehmen zu führen.

Die Reaktionen der Studenten waren sehr unterschiedlich. Beim Beispiel der Evolutionstheorie etwa gab es kaum Nachfragen oder Reaktionen aus dem Hörsaal. Die Studenten haben quasi wortlos hingenommen, dass der Dozent die revolutionäre Theorie zur Entstehung der Arten in Zweifel zog. Ganz anders waren die Reaktionen aber, als der Rektor die Studenten Süchtige nannte, „Zombies“, die ihren Smartphones verfallen seien. Das Thema war wohl näher dran am Alltag der Studenten und hat dementsprechend auch Protest hervorgerufen.

Und damit wurde das Ziel des Experiments, nämlich Reaktionen zu provozieren, wohl auch erreicht. Die Uni Gent wollte ein Zeichen setzen, dass Äußerungen der Studenten während einer Vorlesung ausdrücklich erwünscht sind. Sie will den jungen Leuten vermitteln, dass sie immer kritisch bleiben sollen.

Um das noch zu verstärken, hat die Uni in der Innenstadt auch eine Plakatkampagne durchgeführt. In großen Lettern waren da Statements zu lesen, wie beispielsweise „Beschneidungen von Frauen sind der beste Weg, um Infektionen zu vermeiden“. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Plakate wurden abgerissen, überklebt oder beschmiert.

Mit dem Ergebnis des Sozialexperiments ist man an der Uni nur bedingt zufrieden. Im flämischen Rundfunk sagte Rektor Van de Walle, dass er sich gefreut hätte, mehr oder heftigere Reaktionen auf die Unwahrheiten aus den Hörsälen zu erhalten. Nichtsdestotrotz hatte das Experiment doch auch den gewünschten Effekt, nämlich die Studenten darauf aufmerksam zu machen, dass sie oft zu passiv und unkritisch sind. Die Universität Gent will ihre Studenten jedenfalls auch in Zukunft verstärkt dazu ermutigen, die Stimme zu erheben und sich kritisch zu äußern – auch wenn der Herr vor ihnen ein Professor ist, der vermeintlich alles weiß…

vrt/jp/mg

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