Louis Michel kündigt Rückzug aus der Politik an

MR-Urgestein Louis Michel - ehemaliger Außenminister und Vizepremier, Ex-Senator und EU-Kommissar, aktuell einer der belgischen Abgeordneten im Europaparlament und Vater des Premierministers - will spätestens 2019 seine politische Karriere beenden. Das kündigte Michel am Freitagvormittag in der RTBF an.

Louis Michel kündigt Rückzug aus der Politik an (Bild: Dirk Waem/Belga)

Louis Michel kündigt Rückzug aus der Politik an (Bild: Dirk Waem/Belga)

Eigentlich war Louis Michel zu Gast beim RTBF-Radio, um über das aktuelle politische Geschehen zu sprechen. Das tat Michel auch, doch am Schluss überraschte der 70-Jährige mit der Ankündigung, seine politische Karriere in naher Zukunft zu beenden.

Der RTBF-Moderator hatte ihm zum Ende des Interviews gefragt, ob er 2019, wenn sein Mandat als Europaabgeordneter ausläuft, seine politische Karriere beenden werde. Die Antwort: „Ich werde kein neues politisches Amt anstreben.“ Dem Moderator war das noch nicht deutlich genug, und er hakte nach: „Sie werden ihre politische Karriere also beenden?“

Michel gab zurück: „Mehr als wahrscheinlich. Meine Frau wird sehr glücklich sein, heute zu erfahren, dass sie bald endlich wieder uneingeschränkt auf meine Aufmerksamkeit, meine Zärtlichkeit und meine exklusive Liebe zählen kann.“

Im Studio löste diese Art der Begründung Erheiterung aus, aber auch das Gefühl, hier einen Coup gelandet zu haben. „Michel nimmt Abschied aus der Politik – das ist schon eine Neuigkeit“, sagte der Moderator über die Stimme des 70-Jährigen hinweg.

Doch dass das nicht ganz unerwartet vom Himmel gefallen war, deutete sich schon Minuten vorher an. Er habe immer größere Schwierigkeiten, sich in der heutigen politischen Welt wohl zu fühlen, gab Michel im Interview zu. Und begründete das auch. „Ich habe das Gefühl, dass es immer weniger Raum für wirklich grundlegende Diskussionen in der Politik gibt. Diskussionen, die über Schaumschlägerei hinausgehen“, sagte Michel.

Wettbewerb der Emotionen

Eine fehlende Debattenkultur ist es also, die Michel an der heutigen Politik stört. Aber auch der Verlust der moralischen Autorität. An beiden Entwicklungen seien die Politiker zum Teil selbst schuld. Die Sucht, das politische Amt zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen, sei zu groß geworden. Unzweideutig spielte Michel da auch die jüngsten Skandale an, die vor allem mit der PS zusammenhängen.

Aber daneben würden auch die sozialen Netzwerke eine Rolle spielen. Sie würden stark zu einer Verflachung der politischen Debatte beitragen. Im Internet sei man die ganze Zeit dabei, die Dinge zu vereinfachen. Man exerziere sich gleichsam in Vereinfachungen, Beschimpfungen und Anschuldigungen.

Die auf diese Weise vereinfachte politische Debatte sei meist nur noch darauf ausgerichtet, möglichst viele Emotionen zu erzeugen. Ein Wettbewerb der Emotionen sei entstanden. „Emotionen in der Politik sind grundsätzlich gut“, sagte Michel. „Aber die ganze politische Debatte nur auf das Äußern von allgemeingültigen und improvisierten Gefühlen zu reduzieren, das ist keine Debatte.“

Also ein Michel, der eher im Unfrieden der Politik langsam den Rücken kehrt. Aus der Einsicht heraus, einer anderen Politik-Epoche anzugehören. Konsequent, könnte man meinen. Und mit 71 Jahren hätte Michel sich seinen Ruhestand im Frühjahr 2019 dann auch – wenn man allein auf die Arbeitsjahre schaut – redlich verdient.

Kay Wagner

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