Möglicher Drahtzieher von Barcelona war in Belgien

Zunächst war es nur die Behauptung eines ehemaligen französischen Richters schon kurz nach dem Anschlag in Barcelona. Marc Trévidic behauptete im französischen Radio, dass es enge Verbindungen zwischen den Dschihadisten aus Barcelona und Belgien gebe. Radikalisierte Marokkaner in beiden Ländern würden enge Kontakte untereinander pflegen, und das schon seit Anfang der 1990er Jahre.

Moschee Ripoll

Trévidic war als Richter auf Anti-Terrorprozesse spezialisiert, und was er schon am Freitag sagte, bestätigte sich dann am Wochenende: Tatsächlich gab es Verbindungen zwischen den Attentätern aus Katalonien und Belgien. Im Zentrum dabei: ein Imam, der der Drahtzieher der Anschläge in Katalonien gewesen sein soll. 2016 war er nachweislich in Belgien.

Hans Bonte spricht nicht lange um den heißen Brei herum. Der Bürgermeister von Vilvoorde im Norden von Brüssel sagt: „Wir wissen mit Sicherheit, dass er zwischen Januar und März 2016 sich hier aufgehalten hat: in der Gegend von Diegem, Vilvoorde und Brüssel.“

Er, das ist Imam Abdelbaki Es Satty, eine 46-jähriger Geistlicher, der von den spanischen Behörden beschuldigt wird, der geistige Anführer der Terrorzelle von Barcelona und Cambrils zu sein. Seit 2015 wohnt Es Satty in Ripoll, der katalonischen Kleinstadt, aus der vermutlich alle Attentäter der Terrorzelle stammen. Anfang 2016 allerdings, wie Bürgermeister Bonte bestätigt, war der Imam in Belgien.

Angeblich suchte er Arbeit. Die Moslemgemeinde von Vilvoorde wendete sich deshalb an die lokalen Behörden, um Informationen über den Imam zu erhalten. So wurden die belgischen Behörden auf den Mann aufmerksam. Doch alle ihre Nachforschungen brachten keine Ergebnisse. Bürgermeister Bonte drückt es so aus: „Unsere lokale Polizei hat intensiv Informationen über ihn gesammelt, ob gegen ihn etwas vorliegen würde. Doch weder bei unseren föderalen Sicherheitsdiensten noch bei den spanischen Sicherheitsdiensten gab es etwas über ihn.“

Ein Mann mit weißer Weste also. So sah es zumindest damals aus. Mittlerweile hat sich das Bild geändert. Spanische Medien berichten, dass Es Satty 2012 wegen Drogen im Gefängnis der spanischen Stadt Castellón nördlich von Valencia saß. Er soll auch Verbindungen zu den Verantwortlichen des Terroranschlags 2004 in Madrid gehabt haben. Damals starben 192 Menschen.

Warum Es Satty tatsächlich Anfang 2016 nach Belgien kam, das beschäftigt laut Angaben der VRT jetzt die Staatsanwaltschaft in Antwerpen. Allerdings gibt es mit dem Wissen von heute jetzt schon Auffälligkeiten.

Warum Vilvoorde?

Zum Beispiel der Ort, den Es Satty auswählte: Vilvoorde gilt als eine der Hochburgen radikalisierter Moslems in Belgien. Warum ging der Imam gerade dorthin? Auffällig auch der Zeitraum, in dem er sich in Belgien aufgehalten haben soll. Januar bis März 2016. Am 22. März gab es die Anschläge von Brüssel. Genau zwei Wochen davor verschwand Es Satty spurlos aus Vilvoorde, so berichtet es am Montag die Zeitung „De Morgen“.

„Het Nieuwsblad“ hingegen behauptet, dass Es Satty erst Anfang April wieder nach Spanien zurückgekehrt sei. Aber auch diese Zeitung überlegt, ob der Imam nicht auch eine Rolle bei den Anschlägen von Brüssel gespielt haben könnte.

Nachbarn von Es Satty in Ripoll geben an, dass der Imam „oft und gerne“ nach Belgien gereist sei. Er habe sogar Pläne gehabt, dorthin zu ziehen. Wie weit das glaubwürdig ist, ist offen.
Sicher ist zumindest, dass der Imam ganz einfach und ohne viel Aufsehens nach Belgien reisen konnte. Das sagt auch Bürgermeister Bonte: „Wahrscheinlich“, so Bonte, „ist er wie ein einfacher Tourist gekommen. Mit dem Auto ist Barcelona ja gerade mal eine Tagesreise entfernt, nicht die Welt. Angemeldet hat er sich nicht in der Gemeinde, noch irgendwelche anderen Formulare ausgefüllt.“

Viel offene Fragen

Viele Fragen gilt es noch zu klären. Der Imam selbst wird dazu aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr beitragen können. Die spanischen Behörden gegen davon aus, dass er einer der drei Toten ist, die nach der Explosion im Haus in Alcanar gefunden wurden. Die Explosion, die womöglich den unfreiwilligen Startschuss zu den Anschlägen in Barcelona und Cambrils gegeben hat.

Die föderale Staatsanwaltschaft will von all diesen Spekulationen übrigens nichts wissen. Ein Sprecher teilte am Montagnachmittag mit, dass es nach aktuellem Stand keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen Es Satty und den Anschlägen von Brüssel gebe. Auch würde es keine Untersuchungen zu Es Satty geben. Die belgischen Ermittlungen zu dem Anschlag in Barcelona bezögen sich lediglich auf das belgische Opfer des Anschlags, so der Sprecher.

Text: Kay Wagner - Foto: Pau Barrena/AFP

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