20 Jahre danach – Carine Russo zwischen Desillusion und Hoffnung

Vor genau 20 Jahren wurden im Garten eines Hauses von Marc Dutroux die sterblichen Überreste von Julie Lejeune und Mélissa Russo entdeckt. 14 Monate lang hatten insbesondere die Eltern der Kinder alle erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt, um die beiden zu finden. "14 Monate", eben das ist auch der Titel eines Buches, das am Mittwoch erschienen ist.

Erinnerung an Julie und Melissa

Die Dutroux-Opfer Julie und Melissa (Archivbild: Julie Warnand/Belga)

Carine Russo, die Mutter von Mélissa, schildert darin insbesondere die schreckliche Zeit der Ungewissheit nach dem Verschwinden ihrer Tochter bis zu dem grausigen Fund von Sars-la-Buissière.

Vor genau 20 Jahren schien es fast, als habe sich ein Abgrund aufgetan. Es war der furchtbare Auftakt der Dutroux-Affäre. Und alles begann mit der buchstäblichen „Achterbahn der Gefühle“. Noch zwei Tage zuvor waren Tränen der Erleichterung geflossen, als die entführten Mädchen Sabine Dardenne und Laetitia Delhez lebend aus dem schäbigen Kellerverlies in einem Dutroux-Haus befreit werden konnten. Und dann eben: der Horror. Am 17. August 1996 wurden in Sars-la-Buissière bei Charleroi im Garten eines anderen Hauses von Marc Dutroux die sterblichen Überreste von Julie Lejeune und Melissa Russo entdeckt.

Horror und kein Ende. Am 3. September fand man noch auf einem anderen Dutroux-Grundstück die Leichen von An und Eefje, die ebenfalls schon seit einem Jahr verzweifelt gesucht wurden. Dutroux hatte die beiden Teenager offensichtlich lebendig begraben.

Das Erdbeben, das die Affäre damals auslöste, wirkt bis heute nach. Im Auge des Zyklons: Die Eltern der toten Mädchen, mit denen sich ein ganzes Land zu identifizieren schien. Darunter oft in vorderster Front: Carine und Gino Russo, die Eltern von Mélissa. Längst haben sich beide zurückgezogen. Auch dem Prozess, der 2004 in Arlon stattfand, blieben sie fern.

Jetzt meldet sich Carine Russo aber doch nochmal zurück, und zwar mit einem Buch: „Quatorze mois“, Vierzehn Monate, solange dauerte die schreckliche Zeit der Ungewissheit, zwischen der Entführung von Julie und Mélissa im Juni 1995 bis zum grausigen Fund von Sars-la-Buissière 1996.

Noch einmal tut sich Carine den Medienrummel an, gab unter anderem der RTBF ein exklusives Fernsehinterview. Und darin erklärt sie zunächst, warum sie sich dazu entschlossen hat, ein Buch zu veröffentlichen: „Ich mache das, weil ich den Eindruck habe, dass da in den letzten zwei Jahren eine Form von Banalisierung stattgefunden hat, sagt Carine Russo. Sie habe den Eindruck, dass sich in letzter Zeit alle Welt nur noch auf die Täter fokussiert, auf dieses „höllische Paar“ und das damit die Opfer in Vergessenheit geraten sind.

Ohne ihren Namen zu nennen, hat Carine Russo hier vor allem Michelle Martin im Blick, die Ex-Frau und Komplizin von Dutroux. Martin wurde vor vier Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Seither höre sie immer wieder, wie vorbildlich doch die soziale Wiedereingliederung verlaufe, sagt Carine Russo. Dabei könne sie immer noch nicht verstehen, wie man einer solchen Frau überhaupt Haftverschonung gewähren konnte, sie, die sie niemals Reue gezeigt habe. Sie, die sie niemals Anstalten gemacht habe, endlich die Wahrheit zu sagen.

Die Wahrheit – für Carine Russo gibt es vielleicht eine juristische Wahrheit, mehr aber auch nicht. Viel zu viele Fragen habe der Prozess nicht beantwortet. Allen voran die: Wer hat die Mädchen entführt? Dutroux jedenfalls hat die Entführung nie gestanden.

Andere, noch schwerwiegendere Frage: wie sind Julie und Mélissa gestorben? Die Justiz geht davon aus, dass die Mädchen 104 Tage in dem Kellerverlies überlebt haben. Ohne Essen, ohne Trinken. Das allerdings sei unmöglich, das bestätigten auch Experten.

Und warum hat die Justiz dennoch genau diese These am Ende als „die juristische Wahrheit“ betrachtet. Nun, so sagt Carine Russo: Weil das wohl am einfachsten war. So konnte man endlich den Prozess stattfinden lassen, und ging zugleich lästigen Fragen aus dem Weg.

In ihrem Buch spricht sie von einem „Staatsgeheimnis“. Aber, so sagt Carine Russo: Sie meine damit nicht automatisch die Komplott-These, dass dadurch mögliche Verstrickungen von hochgestellten Persönlichkeiten vertuscht werden sollten. Staatsgeheimnis nur in dem Sinne, dass ein Staat ungern zugibt, dass er auf der ganzen Linie versagt hat. Und das alles nur, weil Frau Martin weiter nicht bereit ist, eben zu sagen, wie es wirklich war. So eine Frau verdiene jedenfalls keine Haftverschonung und bestimmt keine Vergebung, sagt Russo.

Ein Kernstück des Buches sind die Briefe, die Carine Russo ihrer verschwundenen Tochter geschrieben hat, in diesen „Quatorze mois“, den 14 Monaten der Angst. „Ich brauchte das damals“, sagt sie. „Ich hatte so den Eindruck, dass ich Mélissa am Leben hielt.“

Tiefe, schmerzhafte Einblicke gibt das Buch. Einblicke in die Seele einer Frau, die immer noch angewidert ist vom Staat und vor allem seiner Justiz, die oft auch desillusioniert wirkt. Und doch widmet sie die letzten Sätze ihres Buches der Hoffnung. Sie habe sich selbst über diese Zeilen gewundert, sagt Carine Russo: „Die Hoffnung, sie ist offensichtlich stärker als ich. Vielleicht ist es sogar die Hoffnung, die mir die Stärke gegeben hat.“

Roger Pint - Bild: Julie Warnand/BELGA