Fall Dutroux: Das belgische Trauma geht weiter

Zwei prominente Zeitzeugen des Falls Dutroux, der ehemalige Justizminister Marc Verwilghen und Chefankläger Michel Bourlet, haben Journalisten der deutschen Zeitung 'Welt am Sonntag' empfangen - und unverhohlen über sabotierte Ermittlungen gesprochen.

Marc Dutroux (Archivbild: Belga)

Marc Dutroux (Archivbild: Belga)

Er wurde der Weiße Ritter genannt. Gemocht hat Marc Verwilghen den Titel angeblich nie. Anfang der 90er Jahre war der Rechtsanwalt aus Dendermonde im Föderalparlament ein kaum beachteter Oppositions-Hinterbänkler der flämischen Liberalen.

Mit seiner Bezeichnung zum Leiter des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der sich von 1996 bis 1998 mit den Ereignissen rund um den später verurteilten Kinderschänder Dutroux befasste, stand Verwilghen plötzlich im medialen Scheinwerferlicht. Auf seinen Schultern lag die hoffnungsbeladene Last eines ganzen Landes.

Die Ermittlungspannen und die wachsende Erkenntnis, dass die Polizeidienste im Fall Dutroux ein erbärmliches Bild abgegeben hatten, verstärkten den Eindruck vieler Bürger, dass der Staat und sein Justizapparat vor allem die Reichen und Mächtigen schützt, während Otto Normalverbraucher dieser Macht schutzlos ausgeliefert ist.

Verwilghens Untersuchungsausschuss führte 1997 tatsächlich zu vernichtender Kritik an die Polizei- und Justizarbeit. Der Startschuss für eine Polizeireform war gegeben. Der gleiche Untersuchungsausschuss ging nach seinem ersten Bericht dann auch explizit der Frage nach, ob Dutroux von höherer Stelle geschützt worden sei. Das Fazit: Nein, Dutroux sei nicht geschützt worden. Er sei nur Nutznießer von Korruption und Schlamperei gewesen.

„Nichts ist vollständig aufgeklärt“

„Ich denke jeden Tag an das, was er diesen Kindern und meinem Land angetan hat“, sagte der inzwischen 63-jährige Verwilghen der Zeitung Welt am Sonntag. „Und daran, dass die ganze Wahrheit bis heute nicht bekannt ist.“ Ausgerechnet der sogenannte Weiße Ritter, der Belgien von seinen dunklen Dämonen befreien sollte, ruft diese heute wieder wach.

Dutroux wurde 2004 als Einzeltäter verurteilt. Doch 20 Jahre nach den Ereignissen drückt sich Verwilghen so aus, als sei der Fall noch immer nicht vollständig gelöst. Sein bitteres Fazit: „Ich wurde immer wieder gestoppt. Nichts in dem Fall ist vollständig aufgeklärt.“

Namen will der ehemalige Justizminister nicht nennen, er habe aber immer wieder neue Ermittlungen gefordert, damit herausgefunden werden sollte, ob es Verbindungen von Dutroux zu einem international agierenden Kinderschänder-Netzwerk gegeben hat. Eine Frage, die bis heute nicht beantwortet ist.

Die Journalisten der Zeitung ‚Welt am Sonntag‘ unterstützen die These Verwilghens, indem sie aus Auszügen des Ermittlungsdossiers zitieren. Sie sollen belegen, dass Dutroux auch Kontakte nach Deutschland unterhielt. In seinem privaten Telefonbuch vermerkte Dutroux von Hand die Adresse und Telefonnummer eines Gernot U. aus Berlin.

Auf Anfrage der Welt am Sonntag teilte die Berliner Polizei mit, nie von belgischen Behörden über Verbindungen von Dutroux nach Berlin informiert worden zu sein.

In diesem Zusammenhang spricht auch der damalige Chefankläger Michel Bourlet von sabotierten Ermittlungen. Er wisse zwar nichts über diesen Gernot U., wahrscheinlich sei dieser Name und diese Adresse aber nicht mal die einzige Information, die niemals geprüft wurde.

Für die Zeitung bleibt die Frage also unbeantwortet, ob der Name des Berliners nur zufällig ins Telefonbuch von Dutroux gelangte oder er zu einem Kindesmissbrauchsnetzwerk gehörte.

„Das ist das Problem“, sagt Bourlet der Welt am Sonntag. Aufgabe der Justiz sei es, nach der Wahrheit zu suchen. Um Beweise zu finden, müsse hart gearbeitet werden. „Doch wenn erst gar nicht ermittelt wird, gibt es auch keine Wahrheit“, so Bourlet.

Manuel Zimmermann - Bild: Belga