Die Presseschau von Dienstag, dem 21. Oktober 2008

Zwei Themen stehen heute im Mittelpunkt: Die Rettung des Versicherers Ethias durch die öffentliche Hand und der Tod der engagierten Ordensschwester Sœur Emanuelle.

Rettung des Versicherers Ethias

„Öffentlicher Rettungsanker für Ethias“ titelt heute das Börsenblatt L’Echo. Die Föderalregierung sowie die Regierungen Flanderns und der wallonischen Region pumpen insgesamt 1,5 Milliarden Euro in den schwankenden Versicherer. Ethias, die frühere staatliche SMAP, wird damit aber zugleich unter staatliche Vormundschaft gestellt. Außerdem wird sich die Struktur der Gesellschaft radikal verändern.

Steuerzahler bezahlen die Bankenkrise

Gazet Van Antwerpen etwa warnt davor, dass die öffentliche Hand am Ende zur Milchkuh verkommt. Wenn das so weiter geht, dann ist der Staat am Ende nicht mehr die letzte Rettung, sondern schlicht die einfachste Lösung.

„Herzlichen Glückwunsch lieber Steuerzahler, Sie haben schon wieder eine Finanzinstitution vor dem Untergang bewahrt“, meint Het Nieuwsblad mit beißender Ironie. Das einzig Positive ist, dass die öffentliche Hand der Versicherungsgesellschaft keinen Blankoscheck ausgestellt hat. Ethias wird sich grundlegend verändern müssen. Zugleich werden aber die drei beteiligten staatlichen Instanzen jeweils Vertreter in den Verwaltungsrat entsenden. Hier könne man nur hoffen, dass der bisherige politisch durchsetzte Verwaltungsrat nicht durch ein ebensolches Aufsichtsgremium ersetzt wird.

Verwaltungsräte: Pfründen für Politker?

Auch De Standaard kritisiert mit scharfen Worten die bisherige Funktionsweise des Versicherungsvereins. Ethias ist seit jeher ein dankbares Instrument für die Politik, wenn es darum geht, Pöstchen zu verteilen. Federführend waren hier jahrelang die Lütticher PS und die limburgische SP.A. Nicht umsonst galt die frühere SMAP als rotes Bollwerk. Und bis heute war die Ethias ein Relikt der „alten politischen Kultur“. Und wenn die SP.A, wie zuletzt, Sanktionen fordert gegen die Manager von Banken, die ins Trudeln geraten sind, dann sollten die flämischen Sozialisten jetzt auch vor der eigenen Tür kehren.

De Tijd notiert: Wenn schon eine Gesellschaft wie Ethias, die ihren staatlichen Anstrich immer behalten hat, in den Markt der Privatversicherer eindringt, dann darf man nicht am Ende doch dem Steuerzahler die Rechnung präsentieren. Und dann muss sie sich auch an die Spielregeln der Privatwirtschaft halten. Vor allem aber: Der Versicherer braucht einen Verwaltungsrat, der auch etwas von Versicherungen versteht.

Ein Verwaltungsrat ist kein Abstellgleis für altgediente Politiker, auch nicht, wenn sie Steve Stevaert heißen. Steve Stevaert, bekanntlich einst Vorsitzender der flämischen Sozialisten SP.A, ist derzeit der Verwaltungsratvorsitzende bei Ethias. In diesem Zusammenhang fordert De Tijd, Stevaert möge sich ein Beispiel an seinen Kollegen bei FORTIS und DEXIA nehmen und ebenfalls zurücktreten.

Ethias-Vorsitzender Stevaert will bleiben

Auf diese Forderung antwortet Stevaert auf Seite 1 von Het Belang Van Limburg. Seine Funktion stehe nicht zur Diskussion, wird Stevaert zitiert. In seinem Leitartikel nimmt Het Belang Van Limburg den derzeitigen limburgischen Provinzgouverneur denn auch in Schutz. Stevaert unterscheide sich von seinen früheren Amtskollegen bei FORTIS und DEXIA, Maurice Lippens und Pierre Richard: Stevaert habe sich nie angemaßt, sich in Finanzbelangen besser auszukennen als das Ethias Management.

Die linksliberale flämische Zeitung De Morgen sieht indes Stevaert und die SP.A als Opfer einer Hexenjagd. Ganz bewusst würden in konservativen und liberalen Kreisen immer nur zwei Personen herausgestellt: der kurzzeitige FORTIS-Chef Herman Verwilst, der einst Kabinettchef des sozialistische Minister Willy Claes war, und Steve Stevaert, ebenfalls ein früheres Schwergewicht der Sozialisten. Vor allem die CDV versuche, hier im Endeffekt eine Partei an den Pranger zu stellen. Die Botschaft: Es sind vor allem die Sozialisten, die das Geld der Bürger verspielt haben. Das stimmt zwar nicht, aber wie heißt es so schön: Der Schein trügt.

Abschied von Sœur Emanuelle

Vor allem die frankophonen Zeitungen berichten heute ausführlich über den Tod von Sœur Emanuelle, die einen Monat vor ihrem hundertsten Geburtstag in Südfrankreich verstarb. Jahrzehntelang hatte sie sich insbesondere für die Kinder in den Slums von Kairo eingesetzt. „Hundert Jahre Nächstenliebe“, titelt denn auch Vers L’Avenir, die, wie auch La Derniere Heure, auf zahlreichen Sonderseiten das Leben der kleinen aber energischen Ordensfrau nachzeichnet.

La Libre Belgique bringt auf seiner Titelseite das Motto des 1908 in Brüssel geborenen „Engels der Armen“: „Yalla! Vorwärts!“. In ihrem Leitartikel nennt die Brüsseler Tageszeitung Sœur Emanuelle eine Heldin des 20. Jahrhunderts, die es geschafft hat, die öffentliche Meinung für ihren Kampf und ihr Engagement zu sensibilisieren. Doch neben ihrer gelebten Solidarität trug sie auch ihren unerschütterlichen Glauben in die Welt. Dennoch machte sie keine Unterschiede – ungeachtet der Religionszugehörigkeit und der ethnische Herkunft wollte sie einfach nur Gerechtigkeit und Brüderlichkeit.

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