Die Presseschau von Montag, dem 25. August 2008

Ein Foto findet sich auf den Titelseiten aller Tageszeitungen wieder: Tia Hellebaut mit ihrer Goldmedaille im Hochsprung.

Nahezu alle Blätter ziehen darüber hinaus die Bilanz der 29. Olympischen Sommerspiele, die gestern in Peking zu Ende gingen. Die sportliche Bilanz aus belgischer Sicht, aber auch die politische Bilanz.

„Unsterblich“, schreibt Het Laatste Nieuws. „Unvergesslich“, titelt Gazet Van Antwerpen, deren Logo heute dem Anlass entsprechend goldfarbig ist.

„Die Frau der Spiele“ steht in Blockbuchstaben auf der Titelseite von La Libre Belgique. Le Soir spricht auf Seite 1 von „Königin Tia“. Euphorische Freude über eine Frau, die sozusagen in letzter Sekunde die Ehre der belgischen Sportwelt in Peking rettete.

Nach der 4 x 100 Meter-Staffel der Damen, die am Freitag die Silbermedaille gewann, setzte Tia Hellebaut am Samstag noch einen drauf. In einem packenden Finale besiegte sie die haushohe Favoritin Blanka Vlasic und gewann die Goldmedaille im Hochsprung. Entscheidend, so sind sich alle einig, war der gelungene erste Versuch über 2,05 Meter. Dies gelang der kroatischen Konkurrentin erst im zweiten Versuch, wodurch Tia Hellebaut plötzlich in Führung ging. Nicht zuletzt ein psychologischer Poker-Coup von Tia Hellebaut führte dann dazu, dass Blanka Vlasic die nächste Höhe nicht mehr überqueren konnte: Tia war Olympiasiegerin.

Das ist es denn auch, was einen großen Champion ausmacht, meint La Libre Belgique. Talent, Durchhaltevermögen, aber auch Intelligenz und mentale Stärke. Über all diese Qualitäten verfügt Tia Hellebaut. Blanka Vlasic war die haushohe Favoritin – sie hatte in den letzten 14 Monaten alles gewonnnen. Aber Tia Hellebaut hatte immer gesagt: Am 23. August bin ich bereit, der 23. August ist mein Tag. Und sie war bereit. Und es wurde ihr Tag.

Wir alle brauchen mehr Tia, meint auch De Standaard. Sie hat nicht nur ein Supertalent, sie hat nicht nur super trainiert. Sie verfügt auch über die coolness, die es ihr erlaubt, die Topfavoritin am Tag der Entscheidung zu besiegen. Und sie hat nicht gedacht: Wie schön, dass ich so weit gekommen bin, wie schön, dass ich eine Medaille habe. Sie wollte die goldene. Von dieser Einstellung können wir alle uns eine Scheibe abschneiden: Tia legt die Latte höher. Auch im Hinblick auf London 2012 ist Tia Hellebaut ein Vorbild.

Die Leistungen unserer Mädels haben uns Freude bereitet, notiert auch De Morgen, und es waren im Übrigen eigentlich nur die Leistungen der Frauen. Doch dürfen die beiden Medaillen uns nicht die Sicht versperren auf die doch magere Bilanz der belgischen Delegation. Der Sportacker in diesem Land liegt brach, ist verdorrt. Top-Athleten wie Tia Hellebaut sind „Betriebsunfälle“.

Die Suche nach Talenten und deren Förderung, das sind die Stiefkinder der belgischen Sportpolitik. Wir haben zum Beispiel eine neue, viel versprechende Fußballergeneration, vergessen aber, dass der Kern der Mannschaft in den Niederlanden geformt worden ist. Und Laufwunder wie die Geschwister Borlée sehen sich offenbar dazu gezwungen, in den USA zu trainieren, wenn sich die Sportinfrastruktur hierzulande nicht verbessert. Statt sich darüber zu streiten, ob die Goldmedaille von Tia Hellebaut nun belgisch oder flämisch ist, sollten die Politiker dieses Landes besser einfach nur den Mund halten.

Zum Glück haben die Mädels unsere Spiele noch gerade so gerettet, meint auch Het Laatste Nieuws und bemerkt zugleich, dass die belgischen Männer zum ersten mal seit dem Krieg keine einzige Medaille gewonnen haben. Für London in vier Jahren sieht es allerdings düster aus. Unsere beiden besten Sportlerinnen Kim Gevaert und Tia Hellebaut werden dann nämlich nicht mehr am Start sein. Einst war Belgien bekannt für seine Langstreckenläufer, mehr noch für seine Radfahrer. Von diesen Traditionen ist nichts geblieben. Ein Land wie Belgien müsste eigentlich mit mindestens 10 Medaillen nach Hause kommen. Alles andere ist ein Misserfolg.

Doch schlägt nun auch endlich das Belgische Interföderale Olympische Komitee Alarm, wie De Standaard berichtet. Nie war der Graben zwischen den belgischen Athleten und der Weltspitze so groß, zitiert das Blatt den BOIC-Vorsitzenden Pierre-Olivier Beckers. Man hatte sich zum Ziel gesetzt, dass die Hälfte der belgischen Athleten die Top 8 erreicht. Es wurden 40 %.

Das BOIC blickt nunmehr den Realitäten ins Auge, meint auch Gazet Van Antwerpen. Vor vier Jahren in Athen wurde die belgische Bilanz noch beschönigt. Jetzt scheint man bereit zu sein, sich wenigstens dem Problem zu stellen.

Auch Het Nieuwsblad warnt vor Euphorie. So schön die beiden Medaillen auch sein mögen, wir können darauf nicht wirklich stolz sein. In Europa schneiden nur Länder wie Island, Montenegro und Luxemburg noch schlechter ab. Zwar hat man in den letzten Jahren schon Anstrengungen unternommen, um junge Talente in geordneten Strukturen zu fördern. Doch lockt das immer noch nicht den gemeinen Jugendlichen von seinem Computer weg auf einen Sportplatz. Hier haben auch die Schulen eine Rolle zu spielen. Doch sind zwei Stunden Schulsport in der Woche wohl nicht ausreichend, um eine wirkliche Sportkultur anzustoßen.

Das scheint man auch in der Wallonie verstanden zu haben. In Interviews mit Le Soir und La Libre Belgique kündigt der zuständige Minister Michel Daerden ein neues Förderprogramm an. Wenn die Politik jetzt die richtigen Schlussfolgerungen zieht, dann war Peking nicht umsonst, meint La Libre Belgique.