Die Presseschau von Freitag, dem 27. Juni 2008

Der Kursverfall der Anteile der belgischen Großbank Fortis macht in den meisten Tageszeitungen Schlagzeilen und wird in vielen Blättern kommentiert.

Die Talfahrt der Fortis-Aktie

Fortis erlebte gestern den schlimmsten Tag seiner Geschichte, schreibt Het Laatste Nieuws auf seiner Titelseite. Die Aktien verloren 19 % an Wert, nachdem die Bankversicherung drakonische Maßnahmen ergriffen hatte, um ihr Kapital zu erhöhen. Der sinkende Kurs führte dazu, dass Fortis in einem Schlag 5,3 Milliarden Euro weniger wert ist.

L’Echo schreibt: Seit dem Monat Mai zweifeln die Anleger an den Erklärungen der Direktion der Bank. Die verschiedenen Maßnahmen zur Kapitalaufstockung haben sie nicht beruhigt. Seit Anfang Mai sinkt der Wert der Anteile ständig. Man kann die Fortis-Aktie nicht mehr als ideale Anlage für den Familienvater bezeichnen.

De Tijd spricht von Panik bei Fortis. Gestern ist Fortis einschließlich des übernommenen Teils von ABN AMRO weniger wert, als das, was die Bank für diesen Teil bezahlt hat. Jetzt ist die größte Bank des Landes fast völlig wehrlos und ein Vogel für die Katz. Fortis ist jetzt günstig zu haben. Doch viele Katzen kämpfen mit den gleichen Problemen wie der Vogel. Dank der Integration von ABN AMRO kann Fortis sich noch einige Zeit lang sicher fühlen, denn eine Übernahme ist vorläufig zu kompliziert.

La Libre Belgique bemerkt: Die Fortis-Aktien schneiden schlechter ab als die anderer Banken, weil Fortis ABN AMRO im schlechtesten Augenblick gekauft hat. Die belgisch-niederländische Gruppe hat dafür 24 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Heute ist Fortis selbst an der Börse weniger als 23 Milliarden wert. Alle Menschen, die in BEL 20 – Anteile investiert haben, auch in Sicav oder Pensionssparen, verlieren heute.

Gazet van Antwerpen fügt hinzu: Seit gestern weiß jeder, dass Fortis Geld braucht. Das bringt die Bank in eine schwierige Verhandlungsposition. Das Marktklima ist ohnehin schlecht genug. Die Aktionäre haben seit Juni letzten Jahres 62 % ihrer Investition verloren. Doch Fortis-Direktor Votron hat seine Bezüge in diesem Jahr auf 1,3 Millionen Euro erhöht und im letzten Jahr noch einen Bonus von 2,5 Millionen Euro erhalten.

De Standaard meint: Entweder das Management von Fortis hat in den letzten Monaten seine Aktionäre bewusst belogen, oder es hat seine eigenen Erklärungen geglaubt. Dann war das ein schwerer Irrtum und eine falsche Sicht auf die Schwierigkeiten im Bankensektor und im eigenen Konzern. Was ist schlimmer: lügen oder schlecht informiert sein? Für Bankiers, die Vertrauen benötigen, ist beides gleich schlimm. Das Management hat jegliche Glaubwürdigkeit verloren und hat Fortis, seinen Angestellten und seinen Aktionären schweren Schaden zugefügt.

De Morgen erklärt: Fortis hat seinen Aktionären in den letzten Monaten stets gesagt, dass es keine Probleme hat. Die Gerüchte über die verschlechterte Solvenz wurden dementiert. Jetzt ist das Vertrauen zwischen den Aktionären und der Führung der Bank völlig zerstört. Selbst wenn der Kurs heute wieder steigt, glaubt kaum noch jemand, dass die Bank eine ausreichende finanzielle Pufferzone angelegt hat, um bevorstehendes Unheil abzuwenden. Eine Bank muss ein Haus des Vertrauens sein. Wenn dieses fehlt, muss das Management daraus die Konsequenzen ziehen. Es ist Zeit für einen frischen Wind.

Die Talfahrt der Kaufkraft

Het Nieuwsblad befasst sich mit der finanziellen Lage der Familien. Die Inflation ist im Juni auf 5,8 % gestiegen. Was letztes Jahr 100 Euro wert war, kostet also heute 105,8. Wer 4 % Zinsen auf sein Sparguthaben erhält, verliert 1,8 %. Heute ist die allgemeine Verarmung spürbar geworden. Die Indexbindung der Löhne gleicht die galoppierende Inflation nicht völlig aus. Langsam macht sich das Bewusstsein breit, dass die Wohlfahrt nicht für alle Zeiten garantiert ist.

Het Belang van Limburg findet: Die Staatsreform ist wichtig. Doch die Verhandlungen müssen beschleunigt werden, damit die Regierungen sich den sozial-wirtschaftlichen Problemen widmen können. Die wirtschaftlichen Gewitterwolken ziehen auf. Die Exekutiven müssen Maßnahmen ergreifen, um zu vermeiden, dass die Wirtschaft des Landes entgleist.

Die Talfahrt der Regierungsverhandlungen?

Zu den Regierungsverhandlungen schreibt das Magazin Le Vif: Die Aufteilung der Verhandlungen in zwei getrennte Arbeitsgruppen ist nicht gut. Die Gespräche über BHV und jene über die Staatsreform müssen in einer einzigen Gruppe geführt werden. Yves Leterme scheint unfähig zu sein, eine andere Formel zu entwerfen. Viele Beobachter fragen sich inzwischen, ob er überhaupt den Willen hat, die Verhandlungen zu einem guten Ende zu führen. Vielleicht hat für ihn das Kartell mit der N-VA Vorrang. In diesem Fall will er jeden Kompromiss vermeiden, um bei den nächsten Wahlen noch besser abzuschneiden als beim letzten Mal.

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