Die Presseschau von Freitag, dem 23. November 2012

Die Weltausstellung 2017 findet nicht in Lüttich statt, und die belgischen Zeitungen bedauern das nicht nur, sondern wittern hinter dem Sieg des Konkurrenten Astana auch noch eine Schmiergeldaffäre. Viel Lob bekommt Elio Di Rupo für seinen Auftritt gestern in der Kammer. Unruhen in der Unternehmerwelt und eine neue Lieblingssportart der Belgier sind weitere Themen der Inlandspresse.

Lüttchs Bewerbung für die Wetausstellung 2017 ist gescheitert

Lüttchs Bewerbung für die Wetausstellung 2017 ist gescheitert

„Astana hat Lüttich k.o. geschlagen“, titelt L’Avenir. Bei der Wahl zur Vergabe der Expo 2017 hat die kasachische Hauptstadt 103 Stimmen erhalten. Lüttich landet abgeschlagen dahinter mit nur 44 Länder-Stimmen.

„Die große Enttäuschung“, schreibt La Libre Belgique. Verloren hat nicht nur die Maas-Stadt, sondern auch die Wallonie, Belgien und das alte Europa. Die Weltausstellung geht 2017 in ein aufstrebendes Land in Zentralasien. Ein Beweis mehr dafür, dass Europa längst nicht mehr der Mittelpunkt der Welt ist. Dennoch ist nicht alles verloren. Die Vorbereitungsarbeit war nicht umsonst. Lüttich setzt seinen Strukturwandel fort: An der Aufwertung des Messegeländes Coronmeuse hält die Stadt fest. Dort soll Europas größtes Öko-Viertel entstehen. Auch das umfangreiche Straßenbahnprojekt soll realisiert werden.

Zwischen Enttäuschung und Wut

L’Echo schreibt: Trotz dieses Wehrmuttropfens – die Gefühle in Lüttich schwanken zwischen Enttäuschung und Wut. Denn es stehen schwere Korruptionsvorwürfe im Raum. Das durch Öl- und Gasvorkommen reiche Kasachstan soll bis zu 70 Staaten geschmiert haben, um eine Entscheidung zugunsten von Astana herbeizuführen.

Wie La Dernière Heure berichtet, soll Präsident Nasarbajew vor allem Dritte-Welt-Ländern wirtschaftliche Unterstützung zugesagt haben. Nasarbajew, der schon zur Führungsriege der Sowjets gehörte, wird international oft wegen Korruption und Verstößen gegen die Menschenrechte kritisiert. Die Zeitung fasst zusammen: Was zählt, ist offenbar nicht ein gutes Projekt, sondern nur Kohle.

Die meisten Zeitungen befassen sich mit dem Schlagabtausch zwischen Mehrheit und Opposition gestern im föderalen Parlament. „Di Rupo holt zum Gegenangriff aus“, titelt De Standaard. „Schlagkräftiger Premierminister in Parlamentsdebatte“, schreibt De Morgen. In der Kammer hat Di Rupo auf die Kritik der flämischen Nationalisten an seinem Haushalt reagiert.
Het Belang van Limburg zitiert den Regierungschef auf Seite eins. „Was hat die N-VA bisher geleistet?“, so Di Rupo. „Niks, rien, überhaupt nichts.“ Im Gegenteil: Die Nationalisten hätten das Land blockiert und ihm damit schwer geschadet.

„Di Rupo stopft N-VA das Maul“

Het Laatste Nieuws bemerkt: Das war der Di Rupo, den wir eigentlich schon am Mittwoch bei der Regierungserklärung sehen wollten. Nicht gelangweilt und antriebslos, sondern schlagfertig und angriffslustig. Auch Le Soir meint: Di Rupo hat seinen Kontrahenten das Maul gestopft.

Das sieht auch De Standaard so. Die immer größer werdende N-VA treibt die Regierungsparteien in die Enge. Jetzt hat Di Rupo den Spieß umgedreht und fordert Bart De Wever und seine Nationalisten heraus. Sie müssen den Menschen jetzt klar machen, was für ein Belgien sie in Zukunft haben wollen. Je näher die Wahlen auf uns zu kommen, umso deutlicher wird die N-VA ihre Vorstellungen machen müssen.

De Morgen sieht für Di Rupo trotzdem ein großes Problem. Rhetorisch war er gestern in der Kammer zwar auf der Höhe. Aber leider nur auf Französisch. Seine dürftigen Niederländisch-Kenntnisse bleiben sein großer Schwachpunkt. Die Zeitung findet: Während er auf Französisch mit nur wenigen Zutaten ein Drei-Sterne-Menü zaubern kann, hat man dagegen auf Niederländisch den Eindruck, dass er wie ein Stümper in der Küche hantiert. De Morgen rät dem Regierungschef dazu, eine Charme-Offensive in Flandern zu starten. Seine Freizeit sollte Di Rupo lieber im Niederländisch-Unterricht verbringen, statt im Fitness-Studio.

Zürich wirbt Unternehmen aus Belgien ab

Gazet van Antwerpen kommt auf die Auseinandersetzung zwischen den Unternehmern und der Föderalregierung zurück. Der flämische Verband Unizo hatte der Koalition vorgeworfen, halbherzig vorgegangen zu sein und nicht genug gegen die schwierige Lage der Betriebe unternommen zu haben. Wirtschaftsminister Vande Lanotte hatte Kritik und Forderungen der Unternehmer als übertrieben zurückgewiesen. Die Zeitung meint: Ein kalter Krieg bringt niemandem etwas. Beide Seiten sollten zusammenarbeiten und sich mit mehr Respekt begegnen.

Het Nieuwsblad macht mit einer Warnung aus der Schweiz auf. In einem Brief an 150 amerikanische Unternehmen schreibt das Marketing-Büro der Region Zürich, dass die Betriebe Belgien lieber verlassen sollten. Der Grund: Zu viele Streiks, politische Unsicherheit und eine zu hohe Staatsschuld. Das Büro empfiehlt den Firmenchefs, ihren Europasitz nach Zürich zu verlagern. Wie das Blatt weiter berichtet, sind Belgiens Politiker darüber „not amused“. Der flämische Ministerpräsident Peeters verlangt vom Schweizerischen Botschafter in Brüssel eine Erklärung.

Curling ist hierzulande so beliebt wie noch nie, so Gazet van Antwerpen. „Jeder will es lernen“, titelt die Zeitung. Der einzige Club, der die Wintersportart in Belgien betreibt, kann sich vor Anfragen kaum noch retten. Curling oder Eisstockschießen ist eine Art Petanque auf Eis. Bekannt ist die Sportart bei uns nur von den Olympischen Winterspielen. Die Begeisterungswelle führt die Zeitung auf neue Computerspiele zurück und die skandinavische Woche im flämischen Fernsehen.

Bild: Roland Demoulin (belga)

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