"Blauer Tsunami rollt über die USA", titeln De Tijd und das GrenzEcho. "Blaue Welle der Hoffnung rechnet mit Trump ab", schreibt De Morgen auf Seite eins. "Die Amerikaner präsentieren Trump die Rechnung", so die Schlagzeile von De Standaard.
Die Ergebnisse der Zwischenwahlen in den USA stellen heute alles andere in den Schatten. Denn die USA haben sich blau gefärbt; blau ist ja die Farbe der Demokraten. Die kontrollieren jetzt das Repräsentantenhaus und auch den Senat. Sie haben sogar in Bundesstaaten gewinnen können, die traditionell immer republikanisch waren. Ein historischer Sieg also, und natürlich war das auch eine Abrechnung mit der Politik von Präsident Trump. "Die Abfuhr", titelt denn auch Le Soir. "Die USA wenden sich gegen Donald Trump", so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad und Gazet van Antwerpen. "Das ist der Anfang vom Ende für Trump", schreibt Het Laatste Nieuws.
Blauer Tsunami: Die Amerikaner rechnen mit Trump ab
"Ein blauer Tsunami hat also die rote Mauer zum Einsturz gebracht", konstatiert Le Soir in seinem Leitartikel. Die Demokraten haben die Republikaner bei den Zwischenwahlen regelrecht weggefegt und kontrollieren jetzt beide Kammern des Kongresses. Und das ist eine sehr gute Neuigkeit. Zuallererst haben diese Wahlen gezeigt, dass die amerikanische Demokratie noch nicht tot ist. Und, Überraschung: Trump scheint den Sieg der Demokraten sogar zu akzeptieren und sich damit abzufinden, dass er die letzten zwei Jahre seiner Amtszeit als "lame duck" verbringen muss, als lahme Ente. So nennt man ja einen Präsidenten, der seine Macht mit einem Kongress teilen muss, der von der jeweils anderen Partei beherrscht wird. Man kann also von einem wirklichen "demokratischen Aufbäumen" sprechen. Und dies erst recht angesichts des äußerst schmutzigen Wahlkampfes, den insbesondere Donald Trump geführt hat. Die Demokraten müssen diese Chance aber jetzt auch ergreifen. Denn das Votum ist in erster Linie eine Abrechnung mit dem amtierenden Präsidenten; die Demokraten wurden längst nicht immer aus Überzeugung gewählt.
Die Demokratie hat sich als widerstandsfähig erwiesen
"In der Tat: Die amerikanische Demokratie hat ihre Widerstandsfähigkeit und Robustheit unter Beweis gestellt", freut sich auch La Libre Belgique. Die Bürger sind in Scharen in die Wahlbüros geströmt, um der aktuellen Politik der Trump-Administration mit ihren zahlreichen Exzessen an der Urne eine klare Absage zu erteilen. Und das war auch eine Absage an die Macht des Geldes. Republikanische Unterstützer, allen voran Elon Musk, haben Millionen in die Kampagne gesteckt, die Wähler ließen sich aber offensichtlich nicht umstimmen. Eine Lehrstunde der Demokratie also, wobei die Demokraten wissen müssen, dass das Schwierigste noch vor ihnen liegt.
"Denn die Demokraten werden beweisen müssen, dass sie mehr zu bieten haben als die Aversion gegen Trump", scheint Het Laatste Nieuws einzuhaken. Laut Nachwahlbefragungen waren für neun von zehn Wählern die gestiegenen Lebenshaltungskosten der entscheidende Faktor für ihre Wahlentscheidung. Im vergangenen Jahr sind die Energiepreise in den USA um 40 Prozent gestiegen. Seit sechs Monaten wächst die Inflation schneller als die Gehälter. Da kann sich Donald Trump noch so oft auf die Brust klopfen und über ein angeblich Goldenes Zeitalter schwadronieren; für die Menschen reicht ein Blick auf ihr Bankkonto, um zu wissen, dass das alles Fake News sind. Dass die Wahrheit am Ende gegen die Propaganda gesiegt hat, ist beruhigend. Ebenso wie die Feststellung, dass sich die Amerikaner von den Extremen abwenden. Sie haben nicht ideologisch gewählt, sondern sich vom gesunden Menschenverstand und ihrem Portemonnaie leiten lassen. Genau das muss jetzt für die Demokraten die Richtschnur sein.
Die Demokraten müssen jetzt Antworten liefern
"Die Euphorie über den blauen Tsunami sei den Demokraten gegönnt. Und auch ein dicker Kater nach der Wahlparty. Aber ab heute ist Arbeit angesagt", mahnt auch Het Nieuwsblad. Die Demokraten dürfen nicht vergessen, wem sie diesen Sieg zu verdanken haben. Es war nicht der linke Flügel der Partei, und es waren auch nicht die Zentrumskandidaten, die ja jetzt beide den Triumph für sich beanspruchen. Nein, es war vor allem Donald Trump mit seiner desaströsen Politik, der die Republikaner in den elektoralen Abgrund manövriert hat. Die tiefe Ursache für diesen Wahlsieg ist kein politischer Sinneswandel, sondern schlichtweg die reine Wut. Wenn die Demokraten das nachhaltig ummünzen wollen, dann müssen sie erstmal die Reihen schließen. Der linke Flügel der Partei und die Zentristen müssen sich auf eine gemeinsame Strategie einigen. Erste Priorität sollte dabei nicht die Rache an Donald Trump sein; die Demokraten werden Antworten auf die Wut der Menschen finden müssen. Wenn sie diese Chance vergeigen, dann könnten sich die Wähler in zwei Jahren bei der Präsidentschaftswahl gleich wieder den Republikanern zuwenden.
"Dieser Wahlsieg ist nur ein Anfang", glaubt auch Gazet van Antwerpen. Bislang haben die Demokraten ihre Wähler allenfalls davon überzeugen können, dass Trump nicht der richtige Mann ist. Jetzt werden sie einen Mann oder eine Frau in Stellung bringen müssen, mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2028. Am Dienstag hat sich eine Mehrheit der Wähler für eine vernünftige Politik ohne Exzesse und für bezahlbares Leben ausgesprochen. Die Demokraten müssen da erst noch beweisen, dass sie wirklich die bessere Alternative sind.
Trump bleibt – und die Gefahr ist nicht gebannt
"Dabei darf man freilich nicht vergessen, dass Donald Trump noch nicht weg ist", mahnen viele Zeitungen. "Wir dürfen uns keine Illusionen machen", ist etwa L'Echo überzeugt. Trump wird versuchen, sämtliche Initiativen der Demokraten mit seinem Veto zu konterkarieren. Außenpolitisch hat er zudem weiterhin mehr oder weniger freie Hand. Und Trump wird nicht plötzlich aufhören, den Rest der Welt mit Zöllen zu bedrohen oder an den Grundfesten der europäischen Sicherheitsarchitektur zu rütteln.
"Der amerikanische Wähler hat nicht die Welt gerettet", meint auch De Standaard. Wir dürfen da nicht naiv sein. Und ein angeschlagener Trump ist womöglich noch gefährlicher für sein Land und die Welt. Aber diese Wahlen sind – wie die in Ungarn, Serbien und Brasilien – ein Hoffnungsschimmer für all jene, die daran glauben, dass Autokratie nicht unser Schicksal ist.
"Der Rest der Welt reagiert erstmal mit Erleichterung, doch sollte man sich da nicht zu früh freuen", warnt De Morgen. Klar: Wer will, der kann im Ergebnis der amerikanischen Zwischenwahl ein weiteres Signal der Hoffnung sehen. Ungarn, Serbien, Brasilien und nun auch die USA: Ein ums andere Mal scheint der Wähler extremistischen Abenteuern eine Absage zu erteilen. Diese Welle kann sich aber sehr schnell wieder umkehren. Wenn die Sieger von heute nicht liefern können, dann können sie genauso schnell wieder von der politischen Bildfläche verschwinden. Davon abgesehen ist die Bedrohung noch lange nicht weg. In Spanien, Frankreich und Deutschland haben Rechtspopulisten aktuell den Wind in den Segeln. Erst wenn in diesen Ländern der Vormarsch der Extremisten gestoppt werden kann, können wir wirklich aufatmen.
Roger Pint