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Die Presseschau von Samstag, dem 24. Oktober 2026

24.10.202609:17
Banner mit dem Text "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Macht eure!"
"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt müsst ihr eure machen!" (Bild: Sylvain Thomas/AFP)

Die Proteste in Belgien und Europa bleiben Thema in den Zeitungen. Die Leitartikler verurteilen die Gewalt, fragen nach den Zukunftsängsten junger Menschen und warnen vor einer politischen Instrumentalisierung der Ausschreitungen. Zum Schluss geht es um die Verantwortung der Politik, auch bei der Haushaltssanierung.

"Massiver Aufruf zur Gewalt gegen die Polizei", titelt Het Laatste Nieuws. "Brüssel verbarrikadiert sich", schreibt La Capitale auf Seite eins. "Bereitet euch vor", so der besorgte Appell von La Dernière Heure.

Seit Tagen schon wappnen sich die Ordnungskräfte in der Hauptstadt für mögliche neue Proteste. In sozialen Netzwerken kursieren Aufrufe zu neuen Mobilisierungen an diesem Wochenende. In extremistischen Chatgruppen wird dabei ganz ausdrücklich zur Gewalt aufgerufen.

Einige Zeitungen gehen den tieferen Ursachen nach: "Was die protestierenden Jugendlichen in ganz Europa verbindet", titelt De Standaard. La Libre Belgique scheint eine erste Antwort zu liefern: "Eine desorientierte Jugend", schreibt das Blatt.

"Ein eingeschlagenes Schaufenster löst kein Problem"

"Liebe Krawallmacher!", wendet sich La Dernière Heure in ihrem Leitartikel an die Demonstranten. "Ihr habt Euch also dazu entschlossen, Eure Absichten zu verschleiern. Niemand weiß, was an diesem Wochenende passieren wird. Auch nicht, wo. Die Gefahr gewaltsamer Proteste schwebt wie ein Damoklesschwert über Städten wie Brüssel und auch Lüttich. Unter Einwohnern und Geschäftsleuten geht die Angst um; viele verbarrikadieren sich regelrecht. All diese Gerüchte, diese Agitation im Netz, diese schwelende Bedrohung, diese Unsicherheit, all das ist eigentlich das Schlimmste. Aber wenn Ihr noch zögert", so schließt La Dernière Heure, "wenn Ihr noch zögert, dann denkt daran: Ein eingeschlagenes Schaufenster hat noch nie ein Problem gelöst."

"Eine Welle des Protests rollt durch Europa", konstatiert besorgt L'Avenir. An diesem Wochenende sind wieder Kundgebungen geplant: wahrscheinlich in Brüssel und Lüttich, aber auch in Porto, Tirana, Rom und vielen anderen Städten. Alle Blicke werden sich aber wieder auf Frankreich richten. Die Bilder der Straßenschlachten und Plünderungen vom vergangenen Samstag sind noch in den Köpfen. Die französische Regierung verspricht ein "massives" Polizeiaufgebot, um die erwarteten bis zu 500.000 Demonstranten im Zaum zu halten. Hier zeigt sich noch einmal, wie kontraproduktiv Gewalt ist: Die eigentliche Botschaft geht verloren; die Ausschreitungen überschatten die Sorgen und Nöte der Menschen. Denn die sind durchaus real. Und die Straße ist eigentlich auch der Ort, an dem die Bürger in einer Demokratie ihre Politiker noch einmal auf ihre Anliegen aufmerksam machen können. Die Straße kann Türen öffnen. Grundvoraussetzung ist aber ein wirklicher Dialog.

Die Wurzeln der Wut

"Wir müssen unserer Jugend zuhören", ist auch L'Echo überzeugt. Klar: Kein Anliegen der Welt kann Gewalt rechtfertigen. Und die Chaoten, die bei den Straßenprotesten inzwischen den Ton angeben, haben aus den Kundgebungen tatsächlich regelrechte Gewaltorgien gemacht. Vollgepumpt bis obenhin mit Adrenalin und Testosteron und angepeitscht von einer Rudeldynamik, produzieren sie vor allem spektakuläre Internetvideos, in denen sie sich an ihren scheinbaren und flüchtigen Superkräften zu berauschen scheinen. Die Politik reagiert mit markigen Ansagen. Und klar: Die Ordnung wiederherzustellen, das ist eine Priorität. Aber nicht die einzige. Denn bei alledem sind die Anliegen der Schüler und Studenten untergegangen. Und wenn die Jugendlichen etwas zu sagen haben, dann müssen wir ihnen zuhören. Das ist von vitalem Interesse für unsere Gesellschaft. Denn diese jungen Menschen sind unsere Zukunft.

"Es sind schwer fassbare Proteste", findet seinerseits Het Nieuwsblad. Hier steht keine Gewerkschaft mit ihrem Forderungskatalog; hier stehen auch keine Jugendlichen, die etwa für mehr Klimaschutz demonstrieren. Nein, hier geht es um junge und nicht mehr ganz so junge Leute, die eine Art instinktives Unbehagen zum Ausdruck bringen, die einen friedlich, die anderen auffallend gewalttätig. Ihre genaue Motivation können sie allerdings selten definieren. Aber man kann aus alledem doch einen roten Faden ableiten: Perspektivlosigkeit. Unsere Jugend bekommt Haushaltsdefizite, Kriegsgefahr und Sparmaßnahmen um die Ohren gehauen. Die Älteren sind mit steigenden Energiepreisen und schrumpfenden Renten konfrontiert. Die Zukunft sieht schlechter aus als die Vergangenheit. Und demgegenüber stehen flügellahme europäische Regierungen, die den heißen Atem der Populisten mit ihren scheinbar einfachen Antworten im Nacken spüren. Die demokratischen Parteien müssen die Herausforderungen dringend angehen und vor allem Perspektiven schaffen.

Gewalt als Ausrede und als Scheinargument

La Libre Belgique sieht das ähnlich. Kriegsgefahr, Klimawandel, Künstliche Intelligenz: Man kann den jungen Menschen nicht vorwerfen, dass sie sich Fragen über ihre Zukunft stellen. Natürlich rechtfertigt das keine Gewaltorgien. Aber auf der anderen Seite darf sich die Politik auch nicht hinter den Ausschreitungen verstecken und die Sorgen und Nöte der Jugend einfach ignorieren. Die jungen Menschen brauchen eine glaubwürdige Perspektive. Wobei: Wenn man die Verantwortung der Vorgängergenerationen auch nicht abstreiten kann, so spricht das die neue Generation nicht von ihren eigenen Pflichten frei. Trotz aller Widrigkeiten muss auch sie ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen.

"Die demokratischen Parteien sollten hier jedenfalls nicht in die Extremistenfalle tappen", warnt De Standaard. Nach bester rechtspopulistischer Manier reduzierte etwa der N-VA-Politiker Theo Francken die Proteste schlichtweg auf die reine Gewalt und stellte dann gleich einen Zusammenhang mit der, so wörtlich, "jahrzehntelangen Massenmigration" her. Er betete damit den Standpunkt der amerikanischen Rechtsextremisten nach, allen voran Elon Musk. Francken ist nicht allein: Friedrich Merz etwa schlug dieselbe Brücke. Es ist ein Fehler, wenn das politische Zentrum die Thesen von Rechtsextremisten übernimmt. Damit manövriert es sich in eine Sackgasse. Denn aus dieser Argumentation spricht die Verzweiflung. In ganz Europa haben die Regierungen schon jetzt ein Legitimitätsproblem; sie alle bewegen sich hart an der Grenze zum Bankrott. Bart De Wever kann noch verhindern, dass seine Regierung und das Land daran zerbrechen.

Haushaltssanierung braucht Perspektiven

"Jetzt muss die Regierung endlich ihren Haushalt zu Ende schnüren", mahnt denn auch Le Soir. Alle Karten liegen auf dem Tisch. Und nicht vergessen: In Belgien haben wir noch den Luxus, dass keine extremistische Partei mit am Tisch sitzt. Vor dem Hintergrund der sozialen Unruhe wäre die Regierung aber gut beraten, nicht nur einer reinen Buchhalterlogik zu folgen, sondern sich auch in die Lage der Bürger und insbesondere der Jugendlichen hineinzuversetzen. Die Haushaltssanierung darf nicht zum Selbstzweck werden. Eine Excel-Tabelle, und sei sie noch so perfekt, bringt niemanden zum Träumen...

Roger Pint

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