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Die Presseschau von Freitag, dem 23. Oktober 2026

23.10.202609:13
Gleichberechtigung (Bild: Jonathan Nackstrand/AFP)
Illustrationsbild: Jonathan Nackstrand/AFP

Die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen wächst wieder. Die Leitartikler sorgen sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich warnen sie angesichts der Schülerproteste vor Gewalt und fragen sich, wie weit Behörden bei Gegenmaßnahmen gehen dürfen. Auch geht es um die Haushaltskrise und um Bart De Wevers zunehmend dramatische Wortwahl.

"Die Lohnkluft wird noch größer", titelt Het Laatste Nieuws. Het Nieuwsblad formuliert es ein bisschen anders: "Die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen wird wieder größer", schreibt das Blatt.

Das sogenannte "geschlechtsspezifische Lohngefälle" ist also mehr denn je eine Realität: Männer verdienen oft mehr als Frauen; auch bei gleicher Tätigkeit. Die Zahl der Unternehmen, die Männer besser bezahlen als Frauen, ist von 20 auf 25 Prozent gestiegen. Auch der Lohnunterschied selbst ist größer geworden: Im Durchschnitt verdienen Männer brutto 2,2 Prozent mehr als Frauen.

Lohnkluft: Ein Warnsignal für die Gesellschaft

"Und das ist ein wirklicher Affront", wettert Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Nochmal zum Mitschreiben: Man ist gleich alt, man übt exakt dieselbe Tätigkeit aus, und doch ist die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen wieder größer geworden. Ein paar harte Zahlen sprechen Bände: Der durchschnittliche Bruttolohn für einen männlichen Angestellten beläuft sich in diesem Land auf knapp 4.900 Euro; eine weibliche Angestellte verdient etwas mehr als 4.300 Euro - ein Unterschied von fast 600 Euro, 560 um genau zu sein. Und je höher die Betreffenden auf der Karriereleiter stehen, desto größer wird diese Lohnkluft. Belgien gehört anscheinend innerhalb der EU noch zu den besseren Schülern. Dennoch ist es höchste Zeit, dass die Regierung hier noch einmal die Schrauben anzieht.

Gazet van Antwerpen zieht den Fokus etwas größer auf: In letzter Zeit häufen sich die Meldungen über besorgniserregende Entwicklungen, meint das Blatt. Das geschlechtsspezifische Lohngefälle wird größer, hören wir heute. Vor einigen Wochen kamen die neuen PISA-Zahlen heraus, die auch diesmal wieder besonders schlecht ausgefallen sind. Vor einiger Zeit wurde eine Studie veröffentlicht, wonach jeder dritte junge Erwachsene zwischen 18 und 24 lieber nicht mit einer trans Person befreundet wäre. Es mag so aussehen, als machten wir im Moment gesellschaftlich eher Rückschritte. Die Industrie verschwindet, die Gewalt wird intensiver, die Schuldenlast größer und extremistische Parteien holen immer mehr Stimmen. Die Politik hat es verlernt, Kompromisse zu schließen; zudem bleibt der Steuerdruck in Belgien einer der höchsten der Welt. Hinzu kommt die geopolitische Lage: Putins Krieg in der Ukraine, vor unserer Haustür; und nicht zu vergessen Donald Trump, der in seiner zweiten Amtszeit seine Gangart noch einmal verschärft hat. Bei alledem ist es nicht wirklich verwunderlich, dass Jugendliche derzeit scharenweise auf die Straße gehen. Das liegt vor allem daran, dass ihnen bewusst geworden ist, wie wenig politischen Einfluss sie auf ihre Zukunft nehmen können. Auch diese Kluft müssen wir kitten!

Proteste und Krawalle: Wie weit darf der Staat gehen?

"Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel", scheint La Dernière Heure sinngemäß einzuwerfen. Nach den schweren Ausschreitungen bei Schülerprotesten in den letzten Wochen regiert in den Stadtzentren inzwischen die Angst. Bestes Beispiel ist die Rue Neuve in Brüssel: In der traditionsreichsten Geschäftsstraße der Hauptstadt sind viele Boutiquen verbarrikadiert. Holzbretter statt Schaufensterpuppen. Dabei scheint man zu vergessen, dass sich hinter diesen Fassaden Menschen verbergen, Frauen und Männer, die in diesen Geschäften ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie schützen ihre Arbeitsplätze; und sie erwarten dasselbe von ihrer Regierung.

"Nur dürfen unsere politisch Verantwortlichen dabei auch nicht das Augenmaß verlieren", warnt Le Soir. In Brüssel und Lüttich haben die jeweiligen Behörden zuletzt Maßnahmen ergriffen, bei denen sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellt. Nehmen wir das Versammlungsverbot, das der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer verhängt hatte. Hier handelt es sich doch schon um eine erhebliche Einschränkung der Grundrechte. Eben weil das so ist, haben die Ordnungskräfte da in der Praxis einige Ausnahmen gemacht. So hat man eine Kundgebung zugelassen, die sich eben gegen dieses Versammlungsverbot richtete. Das mag sich richtig anfühlen, doch damit bewegt man sich hart an der Grenze zur Willkür. Das wäre das falsche Signal. Gerade angesichts der jüngsten Ausschreitungen brauchen wir ein gesundes Vertrauensverhältnis zwischen den Bürgern und ihren Ordnungskräften.

La Capitale schlägt in dieselbe Kerbe, greift sich aber ein anderes Beispiel heraus: In einigen Städten wird jetzt darüber nachgedacht, bei Krawallen punktuell die sozialen Netzwerke abzuschalten. "Muss es wirklich so weit kommen?", fragt sich das Blatt. Die Idee an sich mag ja noch nachvollziehbar sein. Aber vergisst man dabei nicht, dass wir hier noch immer in einer Demokratie leben? Wenn es zur Normalität würde, soziale Netzwerke bei kritischer Lage abzuschalten, wo läge dann die Grenze? Man kann nicht die Allgemeinheit bestrafen, nur weil Einzelne über die Stränge schlagen. Besser wäre es, die Plattformen in die Pflicht zu nehmen und sie dazu zu zwingen, entschlossener gegen Gewaltaufrufe vorzugehen.

De Wevers apokalyptische Wortwahl

Einige Zeitungen beschäftigen sich schließlich noch mit den Haushaltsberatungen, die ja am Mittwoch erneut ins Stocken geraten sind. "De Wever malt wieder das Schreckgespenst der Märkte an die Wand", schreibt etwa Le Soir auf Seite eins. De Wever hat ja gestern im Parlament noch einmal eindringlich davor gewarnt, dass sich die Finanzmärkte auf Belgien einschießen könnten.

"In puncto Wortschatz scheint sich De Wever dabei aber ständig selbst übertreffen zu wollen", spottet sinngemäß La Libre Belgique. Erst war es die "Mauer der Dunkelheit", in Anlehnung an den Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Gestern hat De Wever dann sogar vor dem "Ende der Welt" gewarnt. Auch den drohenden "Zusammenbruch des Wohlfahrtsstaats" hatten wir schon. Begriffe wie "Titanic" oder "Abgrund" gehören inzwischen zum Standardprogramm. Und es gibt noch mehr: Wir sind in der "Nachspielzeit"; die "drakonischen" Maßnahmen werden "pieksen", aber die Alternative wäre eine "Amputation". De Wever bemüht inzwischen die ganze Bandbreite des Sprachschatzes. Und das mag in der Sache auch berechtigt sein. Aber wer spielt hier mit dem Feuer? Die Regierung stellt die Bürger auf das Schlimmste ein, schafft es aber nicht einmal, die erste Etappe zu bewältigen und den Haushalt zu schnüren. Um es mit De Wevers Bildern zu sagen: Hier droht eine "politische Sackgasse"; oder es ziehen die "Schatten der Dunkelheit" auf...

Roger Pint

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