"Frankreich brennt: Proteste arten in Gewalt aus", fasst De Morgen die Gewaltexzesse im Nachbarland am Wochenende zusammen. "Der Ruf der Straße von den Gewalttaten übertönt", hält Le Soir fest. "Orgie der Gewalt schockt Frankreich", so Het Nieuwsblad. "2.400 Festnahmen bei Krawallen, mindestens 1.500 Gebäude beschädigt, fast tausend Einsatzkräfte verwundet – selbst für Frankreich du jamais vu", kann es auch Gazet van Antwerpen kaum fassen. "Macron: Präsident verurteilt Gewaltexzesse nach Protesten: 'Empfinden Wut und Scham'", liest man beim GrenzEcho.
Wer soll das noch aufhalten?
Ein zerstörtes Rathaus, geplünderte Geschäfte, Leih-Roller, die als Waffen durch die Straßen fliegen, Aufnahmen von lachenden Gesichtern von Kindern, die in den sozialen Medien stolz ihre gestohlene Beute präsentieren, zählt Het Belang van Limburg in seinem Leitartikel auf. Die Straßengewalt in Frankreich scheint immer mehr zu einem organisierten System zu werden, das auch auf die Nachbarländer übergreift. Die 1.800 festgenommenen Krawallmacher sind dabei nur eine schockierende Zahl. Mindestens genauso erschreckend ist, dass 500 Polizisten und Hilfskräfte verwundet worden sind. Die Frage lautet längst nicht mehr, warum die Jugendlichen randalieren, sondern wer sie noch aufhalten soll. Die Eltern etwa? In den französischen Medien hat man gesehen, wie eine Mutter in Marseille mit dem Roller vorbeikam, um die von ihrem Sohn aus einem Geschäft geplünderten Sachen abzuholen. Auch die sozialen Medien spielen eine verheerende Rolle, Vernichtung dient der Suche nach mehr Status. Gestoppt werden soll das Ganze durch Einsatzkräfte, die von der Gesellschaft immer öfter als Feind betrachtet werden. Natürlich muss in das Bildungswesen und Gleichbehandlung investiert werden. Aber eben auch in Polizei, Justiz und in den Schutz der Menschen, die dort arbeiten, fordert Het Belang van Limburg.
Nicht nur die Taten gewisser Menschen sind absolut nicht länger hinnehmbar, sondern vor allem auch das Verhalten diverser Politiker, ganz sicher nicht zuletzt der extremen Linken, prangern die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe an: Auf jedes Lippenbekenntnis einer Verurteilung folgt ein "Ja, aber" und endlose Ausführungen, um die Gewalt zu relativieren. Nichts und niemand hat das Recht, unsere Städte in Schlachtfelder zu verwandeln. Wer wird denn wohl am Ende zur Kasse gebeten, um die Rechnung für die angerichteten Schäden zu bezahlen? Wir, die Steuerzahler natürlich. Die Antwort der Justiz muss hart und der Schwere der Taten angemessen ausfallen, unterstreicht Sudinfo.
Die extremistischen Parteien reiben sich die Hände
Im Gegensatz zu früheren großen Ausschreitungen gab es dieses Mal kein konkretes Drama, das das Pulverfass zum Explodieren gebracht hat, kommentiert Le Soir. Nichts, was diese Entgleisungen und Orgien der Gewalt erklären würde. Nur sogenannte Gelegenheitsverbrecher und purer Nihilismus und Zerstörungswut. Das ist auch eine Folge der fortschreitenden Verarmung Frankreichs, das Land befindet sich am Rand einer Finanzkrise und scheint nicht aus der Abwärtsspirale des Verfalls entkommen zu können. Wenn das so weitergeht, wird Frankreich in sechs Monaten gleich doppelt bestraft werden: mit den Rechtsextremen an der Macht und dem daraus folgenden Chaos, warnt Le Soir.
Was wir dieses Wochenende wieder in Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern gesehen haben, erinnert immer mehr an bürgerkriegsähnliche Szenen, schreibt La Dernière Heure. So etwas verlangt nach einer schnellen und exemplarischen Bestrafung der Täter. Es gibt offenbar immer mehr Menschen, deren einziges Ziel die Destabilisierung des Staates ist. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, droht ein Abgleiten in Anarchie und Gewalt. Womit noch mehr Menschen in die Arme der extremistischen Parteien getrieben würden. Und auch all die friedlichen Demonstranten mit ihren legitimen Forderungen dürfen von der Politik auf gar keinen Fall ignoriert werden, appelliert La Dernière Heure.
Wer profitiert am meisten?
Zwei große Fragen stellen sich angesichts dieses Wochenendes der Gewalt, meint La Libre Belgique. Erstens: Wie konnte sich eines der größten Länder Europas mit einem der ausgefeiltesten Machtapparate binnen eines einzigen Tages in eine Hölle verwandeln, in der wilde Horden bei einer Mehrheit der Bevölkerung und Geschäftsleute für Angst und Panik sorgten? Wieso konnten die Sicherheitskräfte das nicht verhindern trotz der eindringlichen Warnungen im Vorfeld? Die immer handlungsunfähigere Regierung scheint die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung nicht mehr garantieren zu können. Und zweitens: Welche Konsequenzen wird das noch haben, vor allem politisch? Ein Duell zwischen Le Pen und Mélenchon um die Macht wäre eine absolute Katastrophe, ist La Libre Belgique überzeugt.
De Morgen beleuchtet die mögliche Beeinflussung der Proteste in Frankreich von außen: Wie auch schon bei früheren Ausschreitungen haben wir auch dieses Mal wieder gesehen, wie Russen- und Trump-Bots die Exzesse im Internet befeuern, wo sie nur können. Russland hat Frankreich sowieso schon lang im Visier. Aber auch die USA betrachten das Land mehr und mehr als Hebel, um die Europäischen Union von innen zu zerstören. Während russische Presseagenturen "Pogrome" in Frankreich erfinden, schwadroniert Trump öffentlich darüber, wie Migration das Land zerstört hat. Auch bei diesen Ausschreitungen muss untersucht werden, ob feindliche Mächte auch vor Ort aktiv waren, im Rahmen der hybriden Kriegsführung. Letzten November wurde etwa ein Russe auf frischer Tat in Paris verhaftet. Aber die Frage ist nicht nur, wer hinter den Kulissen die Strippen zieht, sondern wie immer: Wer profitiert am meisten davon? Die Antwort darauf lautet: Marine Le Pen. Die sowohl Putin als auch Trump in Frankreich an die Macht bringen wollen, erinnert De Morgen.
Boris Schmidt