"1,4 Millionen Schüler und Lehrer müssen heute wieder zur Schule", titelt Het Laatste Nieuws. "Bereit für das neue Schuljahr?", fragt sich De Morgen auf Seite eins. Das GrenzEcho wünscht allen schlicht und einfach "viel Erfolg am ersten Schultag".
In zwei der drei Gemeinschaften ist heute der erste Schultag, nämlich in Flandern und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Im frankophonen Unterrichtswesen hat ja das neue Schuljahr schon am Montag vergangener Woche begonnen. Vor allem im flämischen Unterrichtswesen müssen sich Lehrer und Schüler auf zahlreiche Neuerungen einstellen. Die N–VA-Unterrichtsministerin Zuhal Demir hat eine Reihe von Reformen durchgedrückt, die sie sogar als "kleine Revolution" bezeichnet.
Das flämische Unterrichtswesen brauchte dringend eine tiefgreifende Neuordnung, glaubt sinngemäß Het Belang van Limburg in seinem Leitartikel. Seit Jahren schon schneidet Flandern in internationalen Vergleichsstudien schlecht ab. Insbesondere die Pisa-Resultate waren regelrecht beschämend. Da musste also was passieren. Am Geld scheitert es offensichtlich nicht. Flandern investiert 17.000 Euro pro Schüler; in Finnland sind es nur 12.000 Euro, und die Finnen schneiden besser ab. Ministerin Zuhal Demir will jetzt also die Brechstange ansetzen. Da kann man allerdings nur hoffen, dass das nicht mit wochenlangen Streiks endet wie im frankophonen Unterrichtswesen.
Neues Schuljahr, neue Regeln
"In Flandern soll jetzt wieder die Aneignung von Wissen im Vordergrund stehen", konstatiert Gazet van Antwerpen. Mathematik, Wissenschaft, Technik und Sprache. "Altmodisches Wissen", könnte man meinen. Aber das ist heute wichtiger denn je. Wir befinden uns in einem digitalen Wirbelsturm: Die rasend schnelle Entwicklung von Automatisierungen und Künstlicher Intelligenz sorgt für eine tiefgreifende Transformation unserer Gesellschaft. Und Kinder müssen lernen, mit alledem umzugehen: mit ideologisch oder kommerziell orientierten Algorithmen, mit Filterblasen, mit Verschwörungserzählungen und mit Fake News. Außerdem wird diese Generation mit einer Reihe von existentiellen Herausforderungen konfrontiert sein. Und für all das ist angeblich "altmodisches" Wissen ein wesentlicher Baustein.
"Doch wie lange wird es dauern, um diesen Tanker auf einen neuen Kurs zu bringen?", fragt sich Het Laatste Nieuws. Immerhin: Sehr viele Lehrkräfte sind davon überzeugt, dass ein solcher Kurswechsel nötig ist. Dass die Aneignung von Wissen künftig wieder im Mittelpunkt stehen soll, wird auch allgemein begrüßt. Allerdings neigt Unterrichtsministerin Demir dazu, sich darüber hinaus allzu sehr in den eigentlichen Schulalltag einmischen zu wollen. Was manchmal die Züge eines ideologischen Kreuzzuges annimmt. Das sorgt für spürbaren Unmut innerhalb der Lehrerschaft. Akzeptanz und Vertrauen sind aber keine Luxusoptionen. Ohne das Personal wird die Revolution nicht gelingen.
Streit um Asylpolitik…
De Morgen beschäftigt sich seinerseits mit der Politik der föderalen Asyl- und Migrationsministerin Anneleen Van Bossuyt. Die N–VA-Politikerin hat die Finanzierung von 1.000 Aufnahmeplätzen gestrichen. "Das ist eine skandalöse und schändliche Entscheidung", wettert das Blatt. Denn was passiert, wenn Asylbewerbern keine Unterkunft zur Verfügung gestellt wird? Sie landen auf der Straße. Das führt zu mehr Obdachlosigkeit, mehr Illegalität, mehr Unsicherheit. Aber Hauptsache, die Buchhaltung der Ministerin stimmt. Und wer muss diese Suppe auslöffeln? Brüssel natürlich! Denn besagte Folgen werden ausschließlich in der Hauptstadt zu spüren sein. Schon jetzt sind die Probleme offensichtlich. Vorschlag also: Man könnte das System dezentralisieren, also den Asylbewerbern die Möglichkeit geben, auch in anderen Städten ihren Antrag zu stellen: in Antwerpen zum Beispiel oder in Gent. Mal schauen, ob die Ministerin dann noch an ihrer Politik festhält.
… und US-Botschafter
De Standaard schließlich kommentiert das gestrige Gespräch zwischen Außenminister Maxime Prévot und dem amerikanischen Botschafter Bill White. Der war nicht freiwillig gekommen; Prévot hatte den Diplomaten einbestellt, nachdem White den föderalen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke persönlich beleidigt hatte. "Außenminister Prévot hatte gar keine andere Wahl als den amerikanischen Botschafter einmal mehr höflich zurechtzuweisen", ist De Standaard überzeugt. Dieser Bill White mischt sich systematisch in die inneren Angelegenheiten des Landes ein. Und das häufig auf undiplomatisch provokante Weise. Und so klein Belgien auch sein mag, zumindest gemessen an der Supermacht USA: Das Signal der belgischen Regierung ist durchaus nicht unbedeutend. Die Botschaft ist deutlich: Eine Partnerschaft kann nur funktionieren, wenn sie getragen wird von gegenseitigem Respekt und elementarer Höflichkeit.
Ein noch krasseres Gegenbeispiel ist der aktuelle Konflikt zwischen den USA und Kanada. Mit seinen unverschämten Provokationen hat US-Präsident Donald Trump das Nachbarland dermaßen gegen sich aufgebracht, dass es jetzt sogar Boykottkampagnen gibt. Trump scheint dabei immer wieder zu vergessen, dass solche Verwerfungen auch in seinem eigenen Land nicht ohne Folgen bleiben: wachsende Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, ein höheres Haushaltsdefizit. Dieser Handelskrieg kann außerdem zu einer Annäherung zwischen Kanada und Europa führen. Rücksichtnahme der Europäer darf Trump nicht erwarten. Auch nicht der Belgier. Und das hat auch ein kleines bisschen mit dem Mobbing des Herrn White zu tun.
Roger Pint