"Gefundene Leiche wahrscheinlich die des vermissten Tyméo", schreibt Het Laatste Nieuws zur Entdeckung einer Kinderleiche gestern in Onhaye in der Provinz Namur. "Gefundene Leiche in Namur möglicherweise Tyméo", formuliert es Het Nieuwsblad vorsichtiger. "Der Körper des kleinen Tyméo gefunden", sind sich aber L'Avenir und La Dernière Heure sicher. "Die unerträgliche Entdeckung", bringen es die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe auf den Punkt. "Affäre Tyméo: eine Kinderleiche gefunden, der Vater immer noch unauffindbar", unterstreicht Le Soir.
Niemand wollte wirklich glauben, dass Tyméo tot sein könnte, trauern die Sudinfo-Zeitungen in ihren Leitartikeln. Aber als Woche nach Woche verging ohne Neuigkeiten schien ein tragisches Ende immer unausweichlicher. Es ist zu früh für Schlussfolgerungen und Spekulationen, auch wenn es natürlich sehr viele Fragen gibt. Etwa, warum das Kind nicht früher gefunden wurde, trotz intensiver Suche. Aber dafür ist später noch Zeit genug, nun muss es um Trauer und Besinnung gehen. Sehr viele Menschen haben die Suche nach Tyméo mit großer Anteilnahme verfolgt, wie Tausende Nachrichten in den Sozialen Medien belegen. Auch sie haben nun traurige Gewissheit. Am 24. August ist jegliche Hoffnung erloschen, dass die Geschichte vielleicht doch noch gut ausgehen könnte, es ist ein tragisches Datum für die kleine Gemeinde Onhaye, schreibt Sudinfo.
Alle müssten am gleichen Strang ziehen
Ansonsten beherrscht aber die wieder aufgeflammte Drogengewalt in Brüssel die Kommentare der Zeitungen: Ja, es hat immer Gewalt gegeben im Drogenmilieu, räumt Le Soir ein. Aber nichts, was mit heute vergleichbar wäre. Statt gelegentlichen Messerstechereien haben wir jetzt Entführungen, Verschleppungen, Folter, Angriffe mit Kriegswaffen, Granatenwürfe, Molotowcocktails, Morde. Diese Worte sind nicht etwa neu, das war die Feststellung von hohen Verantwortlichen der Kriminalpolizei vor drei Jahren. Die Eskalation der Gewalt in der Hauptstadt-Region ist nach der Covid-Pandemie immer sichtbarer geworden. Der Kokain-Markt ist immer lukrativer geworden für die Verbrecher, die Uberisierung des Drogenhandels hat ihren Teil beigetragen, so wie auch andere Faktoren. Noch sind die Hintergründe unklar, aber am Samstag haben sich zwei Männer mächtig genug gefühlt, um das Feuer auf ein Polizeikommissariat zu eröffnen – mit einer Kalaschnikow. Was für ein unerhörtes Symbol! Politisch betrachtet sehen wir derweil seit Samstag wieder das altbekannte Schwarzer-Peter-Spiel zwischen lokaler und föderaler Ebene und zwischen Justiz- und Innenministerium. Dabei müssten doch alle am gleichen Strang ziehen, beklagt Le Soir.
Das gleiche zynische Theater wie immer
Der PS-Bürgermeister von Saint-Gilles hat die Drogengewalt in der Hauptstadt ein belgisches Problem genannt, so Het Laatste Nieuws. Das sei kein Problem der frankophonen Sozialisten. Und er hat Recht. Wir haben die Nase voll. Das denken sich längst nicht mehr nur die Brüsseler, sondern immer mehr auch die Flamen und Wallonen. Denn jedes Mal verschiebt sich die Grenze weiter, werden die Dealer noch brutaler und skrupelloser. Aber wir bekommen das gleiche zynische Theater der gegenseitigen Schuldzuweisungen wie immer, es ist die klassische belgische Krankheit. Und oft genug sind es auch transparente politische Spielchen, ärgert sich Het Laatste Nieuws.
Wer hat Schuld?, fragt L'Echo: Der Innenminister? Die sozialistischen Bürgermeister? Der Korpschef der Polizeizone Brüssel Süd? Die Region? Die Staatsanwaltschaft? Die belgische institutionelle Lasagne? Die generelle Untätigkeit? Oder war das sowieso alles unvermeidbar? Oder alles gleichzeitig? Seit dem vergangenen Wochenende haben wir alle Varianten gehört. Ohne dass – und das ist das Schlimmste – irgendjemand Verantwortung übernommen hätte. Um etwas zu unternehmen gegen die Abwärtsspirale in Brüssel ist auch mehr nötig als Repression. Etwa und vor allem Perspektiven für eine abgehängte Jugend. Wie kann es etwa sein, dass ein Jugendlicher mit einem Deal mehr verdient als sein Vater mit fünf Tagen Schuften? Wir brauchen einen klaren Kurs. Aber dafür bräuchte man auch politisch Verantwortliche, die sich auf der Höhe zeigen angesichts der Größe der Herausforderung. Nicht so wie am letzten Wochenende, giftet L'Echo.
Der Ölfleck kann sich schnell ausbreiten
Die Drogengewalt betrifft nicht nur einige Brüsseler Stadtgemeinden, hebt La Libre Belgique hervor, auch wenn das heute noch so scheinen mag. Nein, die Gefahr ist real, dass sich das Phänomen wie ein Ölfleck ausbreiten wird, dass bald die gesamte Hauptstadt-Region zum Kriegsschauplatz wird. Und es geht auch längst nicht mehr nur um eine sicherheitstechnische Herausforderung, wir reden hier auch über gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen. Die Kartelle wachsen und wachsen und ziehen immer mehr gefährdete Jugendliche in ihren Dunstkreis, sie häufen Geld, Waffen und Macht an. Es bringt auch nichts, nur die kleinen Fische ins Visier zu nehmen, die Handlanger, die jungen Männer, die auf den Abzug drücken. Es sind die ganzen kriminellen Netzwerke, die aufgerollt werden müssen. Und das ist eine Arbeit, die viel Zeit, Aufwand und Mittel erfordert, unterstreicht La Libre Belgique.
Es ist ein umfassender Kampf, der auf vielen Ebenen geführt werden muss, führt De Tijd aus: Die Kriminalpolizei etwa ist immer noch nicht auf Sollstärke; selbst aus den Gefängnissen sind die Drogenbarone noch in der Lage ihre Banden zu steuern; es gibt in Brüssel über hunderttausend Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere, ein unerschöpfliches Personal-Reservoir für die Kartelle; aus Platzmangel werden selbst straffällig gewordene Illegale und Jugendliche sofort wieder freigelassen, es herrscht ein Gefühl der Straflosigkeit. Der Kampf gegen die Drogengewalt beginnt mit dem Zoll im Hafen von Antwerpen und endet in den Straßen vieler Städte. Und auch die Drogenkonsumenten müssen begreifen, dass sie zur Gewalt beitragen. Es ist also ein Kampf, der weit über ein paar Viertel in Brüssel hinausgeht, stellt De Tijd klar.
Boris Schmidt