"Die Wirklichkeit nimmt keinen Urlaub"
Vor dem Hintergrund der anstehenden Haushaltsrunde mahnt La Libre Belgique zur Eile. "Der Sommer ist keine Pause", stellt das Blatt fest. Es ist ja nicht so, dass wir den Ministern keinen Urlaub gönnen. Nur gibt es Momente, in denen man doch berechtigterweise erwarten darf, dass unsere politisch Verantwortlichen sich auf die Hinterbeine stellen. Das gilt in erster Linie für den Haushalt. Die Arizona-Koalition hatte ja schon den 21. Juli als Deadline sausen lassen. Jetzt soll das Haushaltspaket also zum 15. Oktober geschnürt werden. Doch auch diese Frist ist noch knapp bemessen. Denn nicht vergessen: Hier geht es um ein Sparvolumen von zehn Milliarden Euro. Doch was sehen wir? Nichts! Keine vorbereitenden Arbeiten. Selbst die ministeriellen Beraterstäbe drehen im Moment auf Sparflamme. Wenn man weiß, dass diese Koalition vor der schwierigsten Haushaltsrunde seit 40 Jahren steht, dann würde man sich doch ein bisschen mehr Betriebsamkeit wünschen. Denn die Wirklichkeit nimmt keinen Urlaub.
30 Jahre Dutroux: Ein Trauma für eine Generation
Einige Zeitungen kommen auch noch einmal zurück auf einen schmerzhaften Jahrestag. "Vor 30 Jahren entdeckte Belgien mit Entsetzen Dutroux", titelt etwa L'Avenir. Gestern jährte sich der Beginn der Dutroux-Affäre: Am 13. August 1996 wurden Marc Dutroux, seine Frau Michelle Martin und sein Komplize Michel Lelièvre festgenommen. Zwei Tage später, am 15. August, konnten Sabine Dardenne und Laetitia Delhez lebend aus Dutroux' Kellerverlies befreit werden. Wenig später wurden aber auch die Leichen von Julie und Melissa und dann auch von An und Eefje entdeckt.
"Diese Vornamen hat niemand vergessen", meint La Capitale in einem nachdenklichen Kommentar. Dabei muss man zunächst noch einmal besonders die Kraft und die Willensstärke der Eltern der ermordeten Kinder hervorheben: Dreißig Jahre nach den tragischen Ereignissen stehen sie immer noch aufrecht. Wie etwa Jean-Denis Lejeune, der Vater der kleinen Julie, der immer noch fast jeden Tag das Grab seiner Tochter besucht. Infolge der Dutroux-Affäre hat sich aber unsere Welt drastisch verändert. Vor dreißig Jahren ließen wir noch unsere Kinder unbeschwert auf der Straße spielen. Nach dem August 1996 war das vorbei. Die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, lebten plötzlich mit dieser Angst, der Angst vor menschlichen Raubtieren, die im weißen Lieferwagen auf Jagd nach Kindern sind. Die Kinder von damals, das sind die Eltern von heute. Und diese Angst begleitet sie immer noch. Die Dutroux-Affäre war ein furchtbarer Schock, mit Sicherheit für die Opfer und Angehörigen. Aber das alles gibt uns als Gesellschaft nicht mehr das zurück, was wir damals verloren haben: eine gewisse Sorglosigkeit…
"Die Dutroux-Affäre war ein Trauma für eine ganze Generation", analysiert auch Le Soir. Jeder, der in den 1990ern aufgewachsen ist, weiß, was gemeint ist. Es ist diese Angst vor dem Monster, dem Monster im weißen Lieferwagen. Hier hat man es damals aber leider versäumt, den Fokus zu öffnen. Denn das Monster, das ist nicht notwendigerweise der Fremde, der im Schatten agiert. Das Böse hat viele Gesichter. Studien zeigen, dass jede zehnte Frau und jeder 25. Mann in seiner Kindheit das Opfer von sexuellen Übergriffen innerhalb der eigenen Familie geworden ist. Die Familie ist also eben nicht der Ort, in dem die Kinder vor Monstern sicher sind. Diese Debatte wurde 1996 nicht geführt, das müsste endlich nachgeholt werden…
Klimakrise: Das neue Normal
La Dernière Heure beschäftigt sich ihrerseits weiter mit dem aktuellen Katastrophen-Sommer. Auf den ersten Blick wirkt das Ganze schon deprimierend, meint das Blatt. Künftig müssen wir uns wohl nicht mehr die Frage stellen, ob wir in den Sommermonaten eine Hitzewelle bekommen, sondern wie viele. 34 Grad in den Städten? Naturbrände in ganz Südeuropa und sogar bei uns? Das neue Normal! "Und das ist erst der Anfang", warnen noch dazu die Wissenschaftler. Müssen wir jetzt also die Psychopharmaka auspacken? Nein! Untergangsstimmung hat noch keine Wasserreserve aufgefüllt und auch keinen Brand gelöscht. "Anpassung", so lautet das Zauberwort. Jetzt sind alle gefragt: Die Politik, die Wirtschaftswelt und auch jeder einzelne von uns. Wir alle müssen jetzt dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft mit der neuen Realität leben kann. Das Klima von gestern können wir nicht mehr retten. Wohl aber können wir unsere Lebensqualität von morgen mitbestimmen…
Migration – Gefährlicher politischer Masochismus
De Standaard kommt noch einmal zurück auf die Ereignisse in Ceuta von Ende Juli, als Zehntausende Migranten versuchten, die spanische Exklave zu erstürmen. Morgen droht womöglich eine zweite Welle; jedenfalls gibt es anscheinend entsprechende Aufrufe in sozialen Medien.
Sollte diese zweite Welle tatsächlich kommen, dann bekämen die europäischen Regierungen eigentlich die Möglichkeit, ihre Fehler wieder gut zu machen, meint De Standaard. Sie könnten sich dann zum Beispiel vereint zeigen; sie könnten sich hinter Spanien stellen, statt auf Madrid einzuprügeln; sie könnten betonen, dass kein einziger Migrant aus Ceuta bislang in die Schengenzone gekommen ist, dass also die Lage unter Kontrolle ist. So etwas werden wir aber leider nicht sehen. Dafür ist die Versuchung einfach zu groß. Statt darauf hinzuweisen, dass die unkontrollierte Migration um 40 Prozent zurückgegangen ist, ziehen es viele immer noch vor, unter dem Druck von rechtsradikalen Parteien Schreckgespenster an die Wand zu malen. Für das politische Zentrum und auch Mitte-rechts-Parteien ist das eine Form von Selbstzerstörung. Europa lässt sich mehr denn je von Populisten vor sich hertreiben. Und wird so zu einer leichten Beute für jeden, der mit einem Migrationsstrom drohen kann. Angesichts der realen, stark sinkenden Migrationszahlen ist das eine besonders gefährliche Form von politischem Masochismus...
Roger Pint