"Heute Abend gucken wir alle nach oben", titeln Het Nieuwsblad und Het Belang van Limburg. "Termin heute Abend um 19:19", schreibt L'Avenir auf Seite eins. Het Laatste Nieuws präsentiert "alles, was Sie wissen müssen, über die Sonnenfinsternis".
Viele Zeitungen fiebern schon der fast totalen Sonnenfinsternis entgegen, die heute Abend zu sehen sein wird. In Belgien schiebt sich der Mond ab 19:18 Uhr vor die Sonne. Um 20:13 Uhr wird die Sonne dann zu rund 90 Prozent verdeckt sein. Gegen 21:05 Uhr ist das Naturschauspiel dann endgültig wieder vorbei. Le Soir bringt es auf den Punkt: "Belgien ist voll im Sonnenfinsternis-Fieber", schreibt das Blatt auf Seite eins.
Dürre wird zum wirtschaftlichen Problem
Viele Leitartikler beleuchten ihrerseits weiter das aktuelle Wetter mit seinen aufeinanderfolgenden Hitzewellen und der anhaltenden Dürre.
"Es wird immer schwieriger, dem zu entfliehen, was der Mensch entfesselt hat", so etwa die düstere Feststellung von De Standaard. Die beispiellose Gesundheitskrise mit tausenden Hitzetoten, das war -wie sich jetzt herausstellt- nur der Auftakt. Die große Dürre, die inzwischen fast ganz Europa heimsucht, von Wales bis Ungarn, die ist ihrerseits eine Krise mit vielen Gesichtern. Das sichtbarste sind die trockenen Flussbetten von Rhein, Donau, Loire und Po, die inzwischen zu Bächen zusammengeschrumpft sind. Neben den ökologischen Schäden hat das vor allem enorme wirtschaftliche Auswirkungen. Weil die Flussschifffahrt vielerorts unmöglich geworden ist, müssen viele Güter inzwischen auf dem Landweg transportiert werden, was nicht nur höhere Kosten, sondern auch höhere CO2-Emmissionen mit sich bringt. Mit jedem Tag, an dem die Dürre länger andauert, werden außerdem die Auswirkungen auf die Ernten spürbarer; schon jetzt steigen die Getreidepreise. Das alles nur, um zu sagen: Die Klimaerwärmung hat einen enormen Preis. Frage ist: Wann will sich die Politik endlich dem Thema annehmen?
Die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe heben noch eine andere Folge der anhaltenden Dürre hervor: "'Wie verlässlich ist eigentlich Atomstrom?', diese Frage wird immer akuter", meint La Capitale. In ganz Europa müssen inzwischen Reaktoren heruntergefahren werden. Grund ist in den meisten Fällen, dass das Kühlwasser zu warm geworden ist oder wegen der niedrigen Pegelstände nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung steht. Die beiden noch verbleibenden belgischen Meiler sind im Moment wegen Unterhaltsarbeiten ohnehin abgeschaltet, aber wer garantiert uns, dass etwa das Wasser der Maas immer ausreichend kühl oder ergiebig ist, um das Kernkraftwerk in Tihange zu kühlen? All diese Feststellungen und Fragen sollte die Politik auf dem Schirm haben, wenn's darum gehen wird, die großen energiepolitischen Weichen für die Zukunft zu stellen.
Klimakrise: Warum bleibt die Politik so passiv?
"Das alles wäre mit Sicherheit genügend Stoff für einen EU-Sondergipfel", ist Gazet van Antwerpen überzeugt. Wir erinnern uns: Die Bilder der rund 80.000 jungen Männer, die versucht haben, die spanische Exklave von Ceuta zu stürmen, wurden in kürzester Zeit zum Symbol für die angeblich größte Bedrohung des Kontinents. Insbesondere die Trump-Regierung und allerlei rechtsextreme Parteien sorgten dafür, dass diese Bilder massiv verbreitet wurden; freilich ohne dabei zu erwähnen, dass die allermeisten der Migranten längst wieder in Marokko sind. Die EU-Staats- und Regierungschefs haben die Propaganda offenbar geschluckt und in kürzester Zeit wurde ein Sondertreffen einberufen. In der Zwischenzeit brennen in Südeuropa unzählige Hektar Wald, wird die Flussschifffahrt extrem eingeschränkt und gerät sogar die Stromversorgung in Gefahr. Alles in allem eine ernste Bedrohung für die Wirtschaft des Kontinents. Aber für die EU-Staats- und Regierungschefs ist das offensichtlich kein Grund zur Besorgnis; für einen Sondergipfel reicht's jedenfalls nicht…
"Die Politik hat hier eine fast unmögliche Gleichung zu lösen", konstatiert sinngemäß La Libre Belgique. "Wie kann man den Klimanotstand zu einem zentralen politischen Thema machen, ohne den Bürgern Schuldgefühle einzureden oder die soziale Gerechtigkeit zu opfern?", so lautet die Frage aller Fragen. Und an ihr sind letztlich auch schon die grünen Parteien gescheitert, denen man ja allzu oft vorgeworfen hat, die Menschen in erster Linie bestrafen oder ihnen etwas verbieten zu wollen. Eben deswegen ist es ihren politischen Gegnern jedenfalls gelungen, die Grünen erstmal unhörbar zu machen. Denn es ist immer einfacher, mit politisch rentablen und vor allem "unmittelbaren" Themen Stimmung zu machen, als sich mit komplexen Gleichungen zu beschäftigen, die im Wesentlichen die künftigen Generationen betreffen…
EU-Verpackungsregeln: ein Bürokratiemonster?
Het Laatste Nieuws kritisiert schließlich die neue EU-Verpackungsverordnung, die heute in Kraft tritt. Hier wird ein neues Bürokratiemonster geboren, giftet das Blatt sinngemäß. Wie so oft hat die Kommission da lautere Ziele vor Augen: Vor allem sollen die Müllberge verkleinert werden. Die Auflagen sind aber zum Teil so komplex und die schiere Menge an künftig anzugebenden Daten und Informationen so groß, dass kleine und mittlere Unternehmen damit schlichtweg überfordert sein werden. Eben diese kleinen Betriebe bilden das zentrale wirtschaftliche Gewebe, nicht nur in Belgien, sondern in Europa insgesamt. Mit ihrer Obsession, alles in Normen und Regeln zu gießen, schafft die EU aber ein Spielfeld, auf dem nur noch die Großen bestehen können. Und sie setzt damit einen unserer ebenso charakteristischen wie entscheidenden Trümpfe aufs Spiel...
Roger Pint