"Ceuta: Warum die Migrationsfrage in Europa explosiv bleibt", titelt La Libre Belgique. "Die Krise von Ceuta setzt die Migration zurück an die Spitze der europäischen Agenda", schreibt L'Echo. "Der Mann, der halb Europa auf die Palme bringt", ist die Überschrift von De Morgen zu einem großen Foto des sozialistischen spanischen Premierministers Pedro Sánchez. "Belgien zieht mit strengeren Grenz-Vorschlägen in den Ceuta-Gipfel", so der Aufmacher von De Standaard. Heute soll eine Videokonferenz der zuständigen Minister der EU-Staaten stattfinden.
Von politisch Verantwortlichen sollte man doch erwarten, dass sie ruhig und methodisch handeln, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert oder es zu einer Krise kommt, kommentiert La Libre Belgique. Aber wenn es um Migration geht, sind die ersten Reaktionen meist heftig und eher von niederen politischen Instinkten geleitet als von rigorosen Analysen. Das hat auch Ceuta erneut auf pathetische Weise illustriert. Statt Solidarität zu zeigen, wollen manche Spanien aus dem Schengen-Raum ausschließen. Juristisch eine Schnapsidee, politisch verwerflich. Was den Vorsitzenden der frankophonen Liberalen MR, Georges-Louis Bouchez, nicht davon abgehalten hat, sich dafür stark zu machen. Europäische Solidarität? Nicht vorhanden. Wirksamkeit der geforderten Maßnahmen? Eine Wahnvorstellung. Wichtig scheint nur, den Wählern vorzugaukeln, dass man etwas tut – egal was. Die Führer Europas, die von den Rechtsextremen vor sich her getrieben werden, spielen Panikfußball. Wenn sie behaupten, dass Einwanderung unser größtes Problem ist und gestoppt werden kann, rollen sie den Rechtsextremen nur den roten Teppich aus, es ist ein Spiel, bei dem immer nur die Radikalsten gewinnen, warnt La Libre Belgique.
Lieblingswaffe ohnmächtiger Regierungen
Bei "ernsten Herausforderungen" könne sich die belgische Regierung "zeitweise Kontrollen an den Binnengrenzen" vorstellen, fasst De Standaard die Position Belgiens vor der für heute geplanten EU-Videokonferenz zur Ceuta-Krise zusammen. Eine sehr vorhersehbare Reaktion. Wobei längst nicht klar ist, ob aktuell die Bedingungen dafür erfüllt wären. Denn die Lage in Ceuta scheint unter Kontrolle und die Zahl der Asylbewerber in Europa sinkt. Kontrollen an den Binnengrenzen bleiben eine Lieblingswaffe ohnmächtiger Regierungen, denen die Rechtsextremen im Nacken sitzen. Und das, obwohl verschiedene Untersuchungen zeigen, wie begrenzt ihre Wirkung ist. Solche Kontrollen führen zu Staus und Zeitverlusten, sie erfordern den Einsatz vieler Polizeibeamter und die Menschenschmuggler weichen ihnen einfach aus. Außerdem sind Grenzkontrollen innerhalb Europas ein Anschlag auf einen essenziellen Pfeiler der Union und schwächen ihre Schlagkraft. Und das ist genau das, was die Rechtsextremen wirklich wollen, hält De Standaard fest.
Die Europäische Union sollte sich heute auf zwei Sachen konzentrieren, schreibt De Tijd: den Schutz der Außengrenzen. Und die Suche nach wasserdichten Abkommen mit Marokko. Auch und gerade, um zu verhindern, dass Migranten weiter als politisches Druckmittel gegen Europa eingesetzt werden können. Die Union hat sich zwar nach Jahren harter Verhandlungen auf einen Asyl- und Migrationspakt geeinigt. Aber sie bleibt abhängig von Transitländern, was besonders problematisch ist, unterstreicht De Tijd.
Schweigen kann schlimmer sein als die Taten selbst
Manche Menschen haben sich in den sozialen Medien wirklich lustig gemacht über die Migranten, die beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ertrunken sind, kann es La Dernière Heure offenbar kaum fassen. Ein weiteres Zeichen, wie offener Rassismus immer salonfähiger geworden ist. Früher war es noch ein Tabu, zuzugeben, Rassist zu sein und für die Rechtsextremen zu stimmen, heute ist man stolz darauf. Rassenhass passiert nicht mehr hinter vorgehaltener Hand oder versteckt als schlechte Witze, er wird laut und offen praktiziert. Bei Sportwettbewerben, auf Stadiontribünen, mit großen Transparenten entlang von Straßen; Hakenkreuze auf jüdischen Gräbern oder Schweineköpfe vor Moscheen führen nicht zu einem kollektiven Aufschrei. Manchmal ist das Schweigen schlimmer als die Taten selbst. Denn in Gesellschaften, die sich an den Hass gewöhnen, ist es immer die Menschlichkeit, die verliert, erinnert La Dernière Heure.
Gegensteuern, um den Schiffbruch zu verhindern
Het Laatste Nieuws greift die besorgniserregenden Zahlen zum belgischen Wirtschaftswachstum auf: Von allen Ländern der Eurozone war unser Wirtschaftswachstum im letzten Jahr mit 0,5 Prozent das langsamste. Auch die Nationalbank schlägt Alarm: Im zweiten Quartal 2026 fiel das Wirtschaftswachstum zum ersten Mal seit der Coronakrise auf Null zurück. Das sind auch keine Unfälle, es zeigt eine strukturelle Schwäche der belgischen Wirtschaft. Und das ist eine Katastrophe für eine Regierung, die demnächst wieder zehn Milliarden Euro finden muss. Die politisch Verantwortlichen müssen also nicht nur dringend beraten, wo gespart werden kann, sondern vor allem auch darüber, wie sie die Wirtschaft ankurbeln können, fordert Het Laatste Nieuws.
Het Belang van Limburg beschäftigt sich mit dem extremen Niedrigwasser auf dem Rhein: Der Rhein ist viel mehr als nur ein deutscher Fluss, er ist eine wirtschaftliche Lebensader für Europa. Wenn sie zugeschnürt wird, bekommen wir alle die Folgen zu spüren. Das passiert schon jetzt. Schiffe können weniger Fracht transportieren, die Transportpreise steigen. Ein weiteres Handicap für die ohnehin schon angeschlagene deutsche Wirtschaft. Und wenn die deutsche Wirtschaft leidet, wirkt sich das auch negativ auf den Rest Europas aus. Die Konsequenzen zeigen sich aber auch in anderer Weise: Die Container müssen jetzt in Deutschland auf Lkw verladen werden. Die dann über die Straße nach Antwerpen und Rotterdam donnern. Mehr Lkw bedeutet mehr CO2-Ausstoß. Und wozu der führt, das erfahren wir diesen Sommer ja am eigenen Leib, so Het Belang van Limburg.
Boris Schmidt