"Ceuta kehrt langsam zur Normalität zurück: viele offene Fragen – EU-Staaten beraten am Dienstag", titelt das GrenzEcho auf Seite eins. "Ceuta-Krise: die europäische Spaltung", schreibt Le Soir. "Migrationskrise: diplomatische Krise zwischen Spanien und Europa nach dem Ansturm von Migranten auf Ceuta", so die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe. "Madrid gegen Rom: Chaos in Ceuta artet in EU-Streit aus", fasst De Morgen zusammen. "Rabat dreht den Hahn nach Europa ganz auf", hebt De Standaard hervor. "Angesichts der tödlichsten Grenze Europas", bringt L'Avenir eine Reportage aus dem Mittelmeer.
Europas Zusammenhalt steht auf dem Spiel, hält das GrenzEcho in seinem Leitartikel fest: nicht allein wegen der Bilder aus Ceuta, der Toten im Meer und der Zehntausenden Menschen, die binnen Stunden die Grenze zur spanischen Exklave überquerten. Beunruhigend ist, wie schnell Europa in alte Reflexe zurückfiel: Schuldzuweisung statt Solidarität, Abschottung statt gemeinsamer Verantwortung. Ceuta war der erste Belastungstest für die neuen europäischen Migrationsregeln, die über Jahre ausgehandelt wurden. Und dieser Test ist misslungen. Kaum geriet ein Mitgliedstaat unter Druck, diskutierten andere über Grenzkontrollen, Ausschluss und Sanktionen. Das ist nicht nur unverhältnismäßig, sondern erschüttert den europäischen Gedanken in seinen Grundfesten. Wenn in einer solchen Lage Schengen infrage gestellt wird, werden nicht die Verantwortlichen bestraft, sondern Millionen Bürger, Unternehmen und Reisende. Zudem dürfen sich Populisten freuen: Sie leben von Bildern des Kontrollverlusts und von einer EU, die sich selbst zerlegt. Leider hat Ceuta gezeigt, wie wenig derzeit von europäischer Solidarität übrig bleibt, sobald sie wirklich gebraucht wird, kritisiert das GrenzEcho.
Zynische politische Spielchen
Ceuta zeigt, wie wacklig Europas Migrationspolitik ist, schreibt Het Belang van Limburg: Sie ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Den marokkanischen, vor allem jungen Menschen, die nach Ceuta geströmt sind, kann man in diesem Zusammenhang nur schwerlich Vorwürfe machen. Sie sind einfach nur auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Aber Experten vermuten, dass die marokkanische Regierung die Migranten als politisches Druckmittel nutzt, um die Ansprüche auf die von Marokko besetzte, rohstoffreiche Westsahara zu untermauern. Falls sich das bestätigt, wäre das besonders zynisch, denn mindestens 72 Marokkaner haben ihren Versuch, nach Ceuta zu kommen, mit dem Leben bezahlt. Und die Zahl könnte noch steigen. Die marokkanischen Behörden haben derweil einfach zugeschaut, prangert Het Belang van Limburg an.
Trotz der vielen Opfer standen nicht etwa Trauer, Mitgefühl und Besinnung im Mittelpunkt der vielen Reaktionen auf Ceuta, fasst De Standaard zusammen. Im Gegenteil: Viele Politiker konnten nicht mal warten, bis sich der Staub etwas gelegt hatte, bis die Toten begraben und die Analysen gemacht waren. Stattdessen war die Tragödie von Ceuta für sie ein willkommener Anlass, um sich zu profilieren und zu polarisieren. Dabei wurden Annahmen als Fakten präsentiert und Forderungen aufgestellt, die juristisch unausführbar sind. In einem offenen Brief haben 22 europäische Staats- und Regierungschefs Spanien das Messer in den Rücken gestoßen. Auch Premierminister Bart De Wever hat unterschrieben. Es kümmert offenbar auch niemanden, dass die europäische Migrationspolitik Früchte abwirft, was sind schon Fakten. Ob die Beratungen so morgen ruhig, faktenbasiert und rational ablaufen können, ist nach dem letzten Wochenende zumindest fraglich, so De Standaard.
Hauptsache fern von europäischen Blicken
Grenzen schließen hält Migranten nie auf, unterstreicht derweil L'Avenir. Es führt nur dazu, dass die Flüchtlinge auf andere, gefährlichere Routen ausweichen, und kurbelt das Geschäft der Menschenschmuggler an. Währenddessen hat Europa empört auf das brutale Vorgehen der US-Einwanderungspolizei ICE reagiert. Aber die Logik der Amerikaner ist im Prinzip die gleiche wie die der Europäer: Abschreckung durch Angst. Der Unterschied ist nur, dass wir die Drecksarbeit Subunternehmer auf der anderen Seite des Mittelmeers machen lassen. Dadurch wird die Gewalt gegen die Flüchtlinge nach außen verlagert und werden die Toten unsichtbar gemacht. Die Körper verschwinden einfach unter den Wellen, fern von Kameras und filmenden Smartphones. Und vor allem fern von europäischen Blicken, giftet L'Avenir.
Feuersbrunst statt Goldregen
Andere Zeitungen greifen den Konflikt in der Fußballwelt auf: Dieses Mal hat sich der Chef des Weltfußballverbandes FIFA, Gianni Infantino, übernommen, konstatiert Le Soir. Die Verbände haben seine kontroversen Pläne, die Weltmeisterschaft teilweise an private Investoren zu verkaufen, mit einem deutlichen Nein abgeschmettert. Und plötzlich scheint auch der vorher so felsenfest im Sattel sitzende Infantino selbst ins Wanken zu kommen. Das Feuer, das Infantino angezündet hat, könnte ihn seinen Posten kosten, das Vertrauen ist zerbrochen. Die Schockwellen reichen bis in die FIFA selbst hinein, der Wind dreht, aus Verbündeten werden Gegner. Aber selbst falls Infantino stürzen sollte, wird sich nichts ändern, wenn nicht auch die Regeln reformiert werden. Damit sich so eine Machtkonzentration nicht wiederholen kann, mahnt Le Soir.
Infantino hatte zweifellos geglaubt, seinen neuen Goldesel gefunden zu haben, frotzelt La Libre Belgique. Stattdessen hat er den Planet Fußball in Brand gesteckt. Und nichts deutet darauf hin, dass die Flammen bald gelöscht sein werden. Sein spektakuläres Zurückrudern wird vermutlich nicht reichen, um das Vertrauen zurückzugewinnen, das er mit seinem Vorgehen verspielt hat. Jetzt geht es um seinen Kopf. Aber die Fußballverbände werden nicht nur entscheiden müssen, wer der nächste Präsident der FIFA wird. Sondern auch darüber, ob die FIFA weiter mit Gewaltstreichen regiert werden kann. Oder ob das System Infantino zu Grabe getragen werden soll, bringt es La Libre Belgique auf den Punkt.
Boris Schmidt