„Netanjahu und Selenskyj versuchen jeweils, Trump auf ihre Seite zu ziehen“, titelt De Standaard. „Netanjahu und Trump lächeln gemeinsam, aber entfernen sich immer weiter voneinander“, notiert De Tijd auf Seite eins. „Netanjahu versucht, die Beziehung zu Trump wieder zu verbessern“, so Le Soir auf seiner Titelseite.
Die Besuche des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Israels Regierungschefs Benjamin Netanjahu gestern bei US-Präsident Donald Trump in Washington werden auch in den Leitartikeln aufgegriffen.
L’Avenir bemerkt: „Viele kräftige Händedrücke hat es gegeben. Drei Männer, die seit längerem die Weltöffentlichkeit prägen, haben sich getroffen. Alle drei befinden sich im Krieg. Wer von ihnen will Frieden? Bei Selenskyj ist es klar: Er will Frieden für sein Land im Krieg gegen den Aggressor Russland, aber nicht um jeden Preis. Netanjahu will langfristig Frieden vor allem für Israel, will dafür aber noch einige Zeit Krieg führen. Zumindest bis zu den Wahlen, die im Oktober in Israel anstehen. Und Trump? Es ist zu hoffen, dass er Frieden im Nahen Osten als Trumpf für die US-Zwischenwahlen im Herbst sieht. Bis dahin werden noch viele kräftige Händedrücke im Weißen Haus folgen, glaubt L’Avenir.
Situation gedreht
Het Laatste Nieuws beobachtet: Das Verhältnis zwischen Trump und Selenskyj hat sich um 180 Grad gedreht. Vor eineinhalb Jahren noch hatte Trump Selenskyj auf erniedrigende Weise quasi aus dem Weißen Haus gejagt, weil er Selenskyj in einer Position der Schwäche wähnte. Jetzt war ein gestärkter Selenskyj bei Trump, denn im Krieg mit Russland scheint die Ukraine gerade die besseren Karten zu haben. Trump selbst steckt wegen des Iran-Kriegs in Schwierigkeiten. Es könnte sein, dass Trump jetzt gerne die Nähe von Selenskyj sucht und ihn sogar um Unterstützung beim Kampf gegen den Iran bittet. Ein Zeichen dafür könnte sein, dass am Samstag ukrainische Drohnen ein iranisches Frachtschiff mit angeblich Waffen für Russland im Kaspischen Meer getroffen haben, überlegt Het Laatste Nieuws.
La Libre Belgique kommentiert zu jüngsten Nachrichten über eine bevorstehende Massenmobilisierung in Russland: Putin ist alles andere als bereit, sich geschlagen zu geben. Seine ursprünglichen Ziele beim Angriff auf die Ukraine, nämlich das Land in wenigen Tagen zu erobern und damit die neue Stärke Russlands der Welt vorzuführen, hat er zwar verfehlt. Aber das hat ihn nicht gestoppt. Wahrscheinlich wird nichts ihn aufhalten können. So sehr Putin auch gerade wegen des zähen und erfolgreichen Widerstands der Ukrainer geschwächt scheint, so sehr bleibt er auch davon überzeugt, dass Russland auf lange Sicht die Oberhand behalten wird. Für Europa bedeutet das, bei der Unterstützung der Ukraine nicht nachzulassen, mahnt La Libre Belgique.
Sogar Island
De Standaard beschäftigt sich mit dem Selbstwertgefühl der EU und stellt fest: Klar, Europa hat viele Probleme und muss sich mit vielen weltweiten Bedrohungen auseinandersetzen: Klimawandel, Konkurrenz aus China, Tech-Innovationen aus den USA – um nur einige zu nennen. Trotzdem strahlt die EU weiter Attraktivität aus. Immer noch streben viele Länder einen Beitritt an. Sogar das eigensinnige Island lässt jetzt seine Bevölkerung über einen möglichen EU-Beitritt abstimmen. Nach dem Brexit sucht Großbritannien erneut die enge Bindung an die EU. Und auch die Ukrainer wollen ja dem Bündnis beitreten. Das alles sollte dem Selbstwertgefühl der EU Auftrieb geben, wünscht sich De Standaard.
Gazet van Antwerpen bemerkt zur Kritik des renommierten Klimaexperten Jean-Pascal van Ypersele an belgischen Politikern: Die Kritik ist vollkommen gerechtfertigt. Wie kann es sein, dass niemand, wirklich niemand auf föderalem oder regionalem Niveau auch nur ein einziges Wort des Bedauerns zu den fast 2.000 Toten äußert, die die beiden Hitzewellen dieses Jahr in Belgien gefordert haben? Wo sind die Eingeständnisse, dass diese Toten auch Folge der fehlenden Maßnahmen sind, frühzeitig etwas gegen solche Hitzewellen getan zu haben? Das einzige, was wir jetzt in Flandern hören, ist die Ankündigung von Ministerin Gennez, die Anschaffung von Klimaanlagen in Wohnpflegeheimen möglicherweise finanziell zu unterstützen. Immerhin, aber eigentlich zu spät. Vielleicht schweigen unsere Politiker ja auch, weil sie sich schämen. Das sollten sie auf jeden Fall auch tun, poltert Gazet van Antwerpen.
Fliehen – aber wohin?
La Dernière Heure ihrerseits meint zur Kritik des Klimaexperten: Van Ypersele sagt voraus, dass es wegen der Klimaveränderungen in den kommenden Jahren zu Wanderbewegungen kommen wird. Menschen werden vor extremen Klimabedingungen fliehen und sich dort ansiedeln wollen, wo alles erträglicher ist. Frage nur, wo das sein könnte? Und Frage auch: Wären wir dazu bereit, woanders hinzuziehen, um vor Szenarien zu fliehen, wie wir sie gerade in Südeuropa erleben?, grübelt La Dernière Heure.
Kay Wagner