"Außer Kontrolle", bringt Le Soir in zwei Worten die großen Brände in Südeuropa auf den Punkt. "Die Feuerhölle: Eine halbe Million Menschen mussten in Spanien und Frankreich schon vor den Flammen fliehen", fasst La Libre Belgique zusammen. "Feuer bedroht Bordeaux, 250.000 Menschen evakuiert", so Het Belang van Limburg. "Frankreich und Spanien: Über 325.000 Evakuierungen, Feuer 15 Kilometer vor Bordeaux", schlägt L'Avenir Alarm. "Nirgends in Europa gab es mehr Hitzetote als bei uns", meldet Het Nieuwsblad. "Eine kurze Hitzewelle rollt auf Ostbelgien zu – ab Dienstag gilt Warnstufe Gelb für fast das gesamte Land", schreibt das GrenzEcho.
Der Klimawandel ist nicht länger abstrakt
Europa brennt, halten die Zeitungen der Sudinfo-Gruppe in ihren Leitartikeln fest, die Bilder aus den betroffenen Regionen erinnern an Katastrophenfilme. Und auch wenn das Phänomen an sich nicht neu ist, so schlimm war die Lage noch nie. Die verheerenden Brände und die aufeinanderfolgenden Hitzewellen erinnern uns daran, dass die Klimaerwärmung keine Science Fiction ist, auch wenn das den Leugnern nicht gefällt. Und auch Belgien entgeht der Gefahr nicht, das Risiko auf große Brände wird hierzulande ebenfalls immer größer. Das Problem ist auch, dass wir nicht vorbereitet sind: Es fehlt an allem, von spezialisierter Ausrüstung über Personal bis hin zu einem Präventionsplan und einer zwischen Regionen und Ländern koordinierten Strategie gegen Feuer. Es ist eine enorme Herausforderung und es mangelt nicht an Arbeit. Aber an Zeit, warnt Sudinfo.
Die Brände treffen uns besonders hart, weil sie zerstören, was wir immer sicher glaubten, kommentiert La Libre Belgique. So wie es die großen Überschwemmungen getan haben. Sie zerstören unsere Häuser, die Landschaften unserer Kindheit und die Sicherheit, weiter leben zu können, wo wir wollen. Bis vor Kurzem war der Begriff "Klimaflüchtlinge" etwas für Menschen in weit entfernten Ländern, jetzt sind auch wir potenzielle Klimaflüchtlinge geworden. Der Klimawandel ist nicht länger eine abstrakte Kurve in irgendwelchen Berichten, er wird in Toten und dem Ausmaß der Verwüstungen gemessen. Die Hölle, die heute die betroffenen Regionen verschlingt, zerstört auch die Illusion, dass der Klimawandel ein Problem für die Zukunft ist. Sie ist schon in unsere Häuser eingedrungen, stellt La Libre Belgique klar.
Was macht die Politik?
Es ist mehr als legitim, die Debatte über den Klimawandel wiederzubeleben, meint Het Nieuwsblad: Auch und gerade bei uns. Weil das Schlimmste ist, dass wir nicht vorbereitet sind auf das, was kommt. Und den politisch Verantwortlichen fehlt jedes Gefühl der Dringlichkeit. Jetzt, da das Klima-Problem auch zu einem Sicherheits- und Gesundheitsproblem geworden ist, müssen kollektive Lösungen her. Der Klimawandel ist da und wird nicht verschwinden. Wir werden uns also anpassen müssen, unterstreicht Het Nieuwsblad.
Die Folgen des Klimawandels kommen immer näher, so De Standaard. Aber das scheint nur wenige Politiker wirklich zu berühren. Es gibt keine Krisentreffen, um die Bevölkerung besser gegen die kommende Hitze zu schützen oder um den Ausstieg aus den fossilen Energien zu beschleunigen. Selbst die Grünen hüllen sich in Schweigen. Dabei wärmt sich Europa sogar noch schneller auf als der Rest der Welt. Aber was passiert? Wird mehr gegen den Klimawandel getan? Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall, sogar schon beschlossene Maßnahmen werden immer weiter abgeschwächt, die Lobby der fossilen Energieträger hat ganze Arbeit geleistet, wettert De Standaard.
Uns endlich vom schwarzen Gold zu lösen, hat nicht nur klimatische Gründe, erinnert La Dernière Heure. Es ist auch wirtschaftlich absolut notwendig, damit wir nicht mehr abhängig sind von geopolitischen Krisen, die sich Tausende Kilometer entfernt abspielen. Unsere Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren, das bedeutet, unsere Kaufkraft zu schützen. Die Klimawende sollte in dem Sinne nicht mehr als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als Wachstumsvektor, findet La Dernière Heure.
Den Klimawandel immer noch zu bezweifeln, das ähnelt mehr und mehr dem Glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, ätzt De Morgen, mit Realität hat so eine Haltung nur noch wenig zu tun. Und natürlich lassen sich nicht alle Probleme auf einmal lösen. Aber an einer Sache kann es ganz sicher nicht liegen: an fehlendem Geld. Schließlich ist die flämische Regierung bereit, noch viele Jahre lang Geld in Regionalflughäfen zu pumpen, für die es noch nicht mal einen Geschäftsplan gibt. Aber Geld für Klimaanlagen in brütend heißen Altenheimen ist keins da, giftet De Morgen.
Wir werden nicht weichen
Einige Zeitungen greifen den erneuten, mutmaßlich islamistischen Anschlag in Berlin auf: Wofür geht die LGBTQI+-Gemeinschaft überhaupt noch auf die Straße? Diese Kritik hat man in letzter Zeit öfter gehört, schreibt Het Laatste Nieuws. Sind Pride-Märsche noch nötig, wenn – zumindest bei uns – die gleichgeschlechtliche Ehe, das Recht auf Adoption für gleichgeschlechtliche Paare, das Recht, sein Geschlecht auch juristisch ändern zu lassen und so weiter gesetzlich verankert sind? Wer solche Zweifel hatte, hat Samstagabend die Antwort bekommen. Der Anschlag in Berlin beweist, dass Europa mehr denn je zeigen muss, dass das freie Ausleben der eigenen Identität für uns heilig ist. Heiliger als egal welcher Gott oder Prophet. Und dass wir nicht weichen werden vor den Kräften, die daran rütteln wollen, betont Het Laatste Nieuws.
Schon wieder. Das werden viele Menschen der LGBTQIA+-Gemeinschaft am Samstag in Berlin gedacht haben, liest man bei Gazet van Antwerpen. Weil es ist ja nicht das erste Mal, dass sie gezielt ins Visier genommen werden. Dass Pride-Events zu Risikoveranstaltungen geworden sind, ist eine mehr als besorgniserregende Entwicklung. Und das Ausmaß des Problems ist ja noch viel größer, die verbale und auch physische Gewalt gegen Angehörige der Gemeinschaft nimmt immer weiter zu, auch bei uns, prangert Gazet van Antwerpen an.
Boris Schmidt